Schweizer Dorf lockt mit Schulterklopfmaschine

dpadpa | 13.11.2021, 08:56 Uhr
Peter Weber (parteilos), Gemeindepräsident von Mettauertal, steht in der zur "Schulterklopfmaschine" umgebauten Telefonzelle.
Peter Weber (parteilos), Gemeindepräsident von Mettauertal, steht in der zur "Schulterklopfmaschine" umgebauten Telefonzelle.

Philipp von Ditfurth/dpa

Wer sich nach Anerkennung sehnt, kann in die Schweiz fahren, sich in eine ehemalige Telefonzelle stellen und dort automatisches Lob abholen.

Kein Mensch sagt mal „Gut gemacht“? Niemand sieht, wie toll man sich wieder einmal verhalten hat? Wer das Gefühl hat, zu wenig Anerkennung zu bekommen, der könnte einmal eine Reise nach Mettauertal in der Schweiz ins Auge fassen.

Dort, in der beschaulichen Gemeinde ganz nah an der deutschen Grenze, steht nämlich der weltweit wohl einzige Schulterklopfautomat.

Die Idee dazu hatte Gemeindepräsident Peter Weber. Er habe da so einen Spruch, für den er weithin bekannt sei, sagt der 62-Jährige: „Das hast du gut gemacht, stell dich doch mal für eine Viertelstunde unter die Schulterklopfmaschine!“ Als dann immer wieder die Frage kam, wo die Maschine denn stehe, sei er ins Nachdenken gekommen.

Nun, eine Crowdfunding-Kampagne und viel Tüftelei später, steht die Maschine also, neben einer Bushaltestelle und schräg gegenüber von der Kirche. Das Gerät kommt unauffällig daher, ist versteckt in einer ehemaligen Telefonzelle. Wer sich eine mechanische Apparatur vorgestellt hat – etwa mit einem Arm, der immer wieder tätschelnd herabfährt -, der wird enttäuscht. „Wenn sich da jemand den Kopf anschlägt, hast du gleich eine Klage am Hals“, sagt Weber. Das Schulterklopfen geschieht hier im übertragenen, digitalen Sinne.

Ein Ort für Lobeshungrige

Dort, wo früher mal das Telefon hing, findet sich nun ein Touchscreen. Darauf können Lobeshungrige eingeben, wofür sie denn nun Anerkennung verdient haben. Doch auch Selbstkritiker, denen erstmal nichts einfällt, haben eine Chance: Sie können aus einer langen Liste ihre persönliche gute Tat auswählen, etwa: „Ich habe für jemanden aus meiner Firma eine Schicht übernommen“.

Danach bietet der Automat an, ein Foto des Wohltäters zu schießen, mit der Option, dieses gleich auf Facebook zu posten. Es folgt ein Feld zum Eingeben der E-Mail-Adresse. Und dann kommt es endlich, das Lob: in Form eines Videos von Menschen, die zu Volksmusik und im Zeitraffer jubeln, tröten, Luftschlangen durch die Gegend pusten und applaudieren. Im E-Mail-Postfach sollte unterdessen ein Gutschein, etwa für eine lokale Bäckerei, eingegangen sein. „Es wird viel zu wenig gelobt“, sagt Weber nach der Vorführung der Maschine. „Die Menschen kritisieren gern, aber wie selten lobt man?“

Auch Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bamberg, sieht in Feedback eine essenzielle Bedeutung für das Wohlbefinden. „Es ist ganz wichtig für Menschen, eingebunden zu sein und Anerkennung zu bekommen“, sagt sie. Das ergebe auch evolutionär Sinn, „weil es unsere Gesellschaft zusammenhält und dafür sorgt, dass wir Normen einhalten“.

Ganz so schlecht gar nicht

Der Schulterklopfautomat könne zwar nicht besonders spezifisch loben. „Aber so ganz schlecht finde ich die Idee nicht“, sagt Schütz. Da sei einmal das Jubelvideo, das positive Assoziationen wecke – ähnlich wie bei Lernapps, in denen Erfolge mit Fanfaren oder Ähnlichem belohnt würden. Daneben gebe es den Öffentlichkeitsaspekt, weil das Selfie in den sozialen Netzwerken gepostet werden könne. „Wenn wir etwas öffentlich tun, dann wird es fester in unserer Selbstwahrnehmung verankert“, sagt Schütz. Und nicht zuletzt bekämen Nutzer der Maschine ja auch ein kleines Präsent als ganz greifbare Anerkennung.

Bei allem Lob fürs Loben: Die Forscherin gibt zu bedenken, dass manche Formen von Anerkennung auch unerwünschte Folgen haben können. Wenn etwa Banalitäten gelobt würden, könne der Empfänger des Kompliments daraus ableiten, dass von ihm nichts wirklich Gutes erwartet werde, sagt Schütz. Stichwort: hingeschmierte Strichmännchen-Zeichnung, die von begeisterter Oma in den Himmel gelobt wird.

Verhalten statt Eigenschaften loben

Generell sollte man aus Sicht der Psychologin beim Loben darauf achten, konkretes Verhalten anzuerkennen – und nicht vermeintliche Eigenschaften. „Eigenschaftslob kann träge machen“, sagt Schütz. Kinder, die etwa immer wieder hörten, sie seien schlau, könnten bei ersten schulischen Misserfolgen Selbstzweifel entwickeln. „Sie haben gelernt, ihre Leistung auf ihre Eigenschaft „Klugheit“ zurückzuführen. Das bedeutet im Umkehrschluss dann auch, dass ein Misserfolg ein Hinweis auf die Grenzen der eigenen Fähigkeiten ist.“ Statt sich anzustrengen, könnten Kinder dann eher resignieren.

Gemeindepräsident Weber sagt, er wisse nicht, ob wirklich Leute die Maschine nutzten, denen die Anerkennung im Leben fehlt. Viele kämen jedenfalls von weit her. Und eine der wichtigsten Zielgruppen seien Kinder, die den Gutschein abstauben wollten. Dieser wird vom jeweils darauf stehenden Geschäft, etwa der Bäckerei, finanziert.

Für Weber ist die umgerechnet etwa 25.000 Euro teure Maschine in erster Linie dazu gedacht, die 2000-Seelen-Gemeinde Mettauertal bekannter zu machen. „Es ist unglaublich schön hier zu wohnen“, sagt er. „Nur: Wenn’s keiner kennt, kommt auch keiner.“ Dafür seien auch mal mutige Ideen gefragt.

Etwas zu mutig dürfte allerdings wohl ein weiterer Einfall sein, der ihm im Kopf herumspukt: eine Teerungs- und Federungsmaschine, um auch mal die schlechten Taten sichtbar zu machen.