26.08.2020 17:00 Uhr

„Tenet“: Kopf(ge)nuss der Marke Nolan

Auf "Tenet" von Christopher Nolan liegen immense Hoffnungen. Kann der Film Sinnbild einer neuen Kino-Ära sein? Kann er, wenn man sich darauf einlässt.

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Erbittert hat Autorenfilmer Christopher Nolan (50) am ursprünglichen Kinostart seines neuen Films „Tenet“ am 17. Juli festgehalten. Letztendlich musste er sich, wie der Rest der Branche, jedoch der Corona-Pandemie beugen. Am 26. August, also einen Tag früher als am sonst üblichen Kino-Donnerstag, kommen Filmfans nun aber in den Genuss seiner neuesten Leinwand-Kopfnuss. Der Zeitpunkt könnte noch immer nicht besser sein – denn „Tenet“ ist nicht nur ein Film. Es ist ein bildgewaltiges Manifest dafür, dass Kino niemals aussterben darf.

Der „Protagonist“ gegen das Ende der Welt

Gerade noch befindet sich ein namenloser Agent, fortwährend als der „Protagonist“ (John David Washington, 36) bezeichnet, im Einsatz gegen Geiselnehmer. Nur wenig später, um viele Erkenntnisse reicher und einige Zähne ärmer, wird sein Weltbild völlig auf den Kopf gestellt: Durch eine bahnbrechende Technologie, die einem skrupellosen Verbrecher in die Hände gefallen ist, lassen sich die für unverrückbar gehaltenen Gesetze der Physik aushebeln. „Zeitreise? Nein, Inversion!“

Woher stammt die Munition, die sich entgegengesetzt zum normalen Verlauf der Zeit verhält? Und droht aufgrund der Inversions-Technologie wirklich der Ausbruch des Dritten Weltkriegs? Der „Protagonist“ begibt sich auf eine Spurensuche, die ihn nicht nur rund um den Globus führt – sondern auch an die Grenzen der Vorstellungskraft.

Vor, zurück… oder beides?

„Versuchen Sie nicht, es zu verstehen. Fühlen Sie es.“ Mit diesem Spruch wird die Hauptfigur von „Tenet“ und somit auch der Zuschauer in das Prinzip der Zeit-Inversion eingeführt. Tatsächlich treibt Nolan mit seinem neuesten Werk eine gestalterische Vision auf die Spitze, die er im Jahr 2000 in der allerersten Szene seines Films „Memento“ bereits hatte. Ein entwickeltes Polaroidfoto, das bei jedem Schütteln etwas blasser wird. Bluttropfen, die eine Wand hinaufrinnen – die grausige Folge der rückwärts ablaufenden Exekution eines (un)schuldigen Mannes.

Nur diese Anfangssequenz wurde damals rückwärts abgespielt, beim Rest von „Memento“ sind lediglich die meisten (nicht alle) Szenen in chronologisch verkehrter Reihenfolge angeordnet. Ein forderndes Konzept, das im Vergleich zu „Tenet“ nun jedoch banal einfach erscheint. Ohne einen kleinen Diskurs in die Physik kommt man hier nicht mehr aus.

Die Idee hinter „Tenet“

Wer sich mit den Theorien beschäftigt, die in „Tenet“ behandelt werden, stolpert schnell über Begriffe wie Entropie, Thermodynamik oder den Namen James Maxwell. Die Kurzversion: Die natürliche Ordnung des Universums ist Unordnung. Eine Tasse, die in tausend Teile zersprungen ist, wird sich daher nie von allein wieder zusammensetzen. Und der gemixte Cuba Libre verwandelt sich auch nicht selbstständig in seine Bestandteile Cola und Rum zurück. Aber was, wenn doch? Diesem Gedankenspiel geht Nolan mit „Tenet“ nach. Mehr noch: Was, wenn derartig invertierte Gegenstände in einer ansonsten normal ablaufenden Welt auftreten? Oder ein Mann, sagen wir ein „Protagonist“, durch eine invertierte Welt schreitet?

Nolans Antworten auf diese Fragen zaubern Schauwerte auf die Leinwand, die, das muss betont werden, so noch in keinem anderen Film zu sehen waren. Das Gezeigte reizt die Vorstellungskraft der Zuschauer aus – auf der Bedeutungsebene hin zur ganz grundsätzlichen Frage, wie um alles in der Welt einige Sequenzen gedreht werden konnten. Dabei geht „Tenet“ zu Beginn eigentlich sehr behutsam, ja beinahe behäbig mit derartigen Szenen um. Die erste Hälfte des Streifens mutet gar wie ein „Bond“-Film an, in dem es Tüftler Q lediglich ein wenig mit seinem Technik-Firlefanz übertrieben hat. Doch dann zieht „Tenet“ urplötzlich an und schickt seine Figuren zu Ludwig Göranssons (35) treibenden Score in blanken Bombast, dem kein noch so großer Fernseher jemals gerecht werden könnte.

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Kein Film für eine Nacht

Es ist überdeutlich, wie sehr sich Nolan und Co. in die Thematik reingefuchst haben. Ebenso klar sollte es allen Interessierten sein, dass auch nach zwei- und dreimaligem Anschauen nicht alle Fragezeichen verschwunden sein werden. „Tenet“ ist Nolans kompliziertester, verworrenster Film, was bei einem Regisseur, dem gerne „Verkopftheit“ vorgeworfen wird, schon etwas heißen mag. Gleichzeitig kann aber bei „Tenet“ mehr denn je attestiert werden, dass Nolan seinem Publikum etwas zutraut. Wer sich darauf einlässt, findet geschickt eingebaute Hinweise auf spätere Enthüllungen, oder ertappt sich nach dem Film mit einem roten und einem blauen Stift dabei, die Handlungsstränge nachvollziehen zu wollen.

Frei von Makeln ist aber auch „Tenet“ nicht. Wie schon in „Inception“ oder „Interstellar“ wirken manche Dialoge, in denen dem Zuschauer die fantastischen Mechaniken der Handlung nahegelegt werden sollen, etwas hölzern. Wieder einmal bleiben vor allem die weiblichen Figuren, dieses Mal in Person von Elizabeth Debicki (30), arg blass oder kaum mehr als Stichwortgeber. Und dann wäre da noch Kenneth Branagh (59) als Antagonist Andrei Sator, der in einigen Szenen doch arg zum Overacting tendiert. Die sechste Oscar-Nominierung seiner Karriere wird es dafür wohl nicht geben.

Generell stehen bei „Tenet“ nicht unbedingt die schauspielerischen Leistungen im Vordergrund. Nichtsdestotrotz ist es die glaubwürdige und charmante Bromance zwischen Washington und Neu-Batman Robert Pattinson (34), durch die man sich als Zuschauer mit den beiden verbunden fühlt – erst recht beim zweiten Durchlauf.

Fazit:

Wer bloße Unterhaltung sucht, wird dank „Tenet“ zwar beeindruckende Momente bestaunen dürfen, den Film insgesamt aber wohl als (zu) wirr empfinden. Christopher Nolans neuer Streich ist einer dieser Filme, der einem umso mehr gibt, je mehr und je öfter man sich mit ihm beschäftigt. Das muss man nicht verstehen. Aber fühlen. Und das unbedingt im Kino.

(stk/spot)

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