Nachhaltigkeit im FokusTrendforscher Daniel Anthes: So schmeckt die Zukunft

Trendforscher Daniel Anthes wagt einen Blick in die Zukunft. (obr/spot)
Trendforscher Daniel Anthes wagt einen Blick in die Zukunft. (obr/spot)

Patrick Lux /Gero Breloer für Initiative Milch

SpotOn NewsSpotOn News | 15.12.2022, 12:05 Uhr

Daniel Anthes ist Trendforscher mit besonderer Leidenschaft für Food-Themen. Im Interview wagt er einen Blick auf die Ernährung der Zukunft und auf die Frage, welche Foodtrends die nächsten Jahre bestimmen werden.

Vegetarisch, flexitarisch oder pflanzenbetont – heute gibt es viele verschiedene Ernährungsformen. Am Rande eines Roundtables mit der Initiative Milch verrät der Trendforscher Daniel Anthes im Interview, wie wir uns in Zukunft ernähren, welche Rolle nachhaltige Foodtrends dabei spielen – und warum wir eigentlich auf nichts verzichten müssen, wenn wir uns bewusst ernähren.

Daniel Anthes, Sie sind Trendforscher mit besonderer Leidenschaft für Food-Themen. Verraten Sie uns, wie sieht die Ernährung der Zukunft aus?

Daniel Anthes: Einfacher! In der Vergangenheit standen wir bei Ernährungsfragen oft vor der Qual der Wahl: Soll es gesund sein – oder schmecken? Diesen Widerspruch löst die Ernährung der Zukunft auf: Gesund und lecker, regional und exotisch, nachhaltig und genussvoll gehen immer häufiger Hand in Hand. Es wird nicht nur die eine Zukunft geben, sondern es wird für jeden Geschmack etwas dabei sein.

Haben Sie ein Rezept für nachhaltige Ernährung?

Anthes: Ich liebe in diesem Zusammenhang das Zitat des amerikanischen Journalisten Michael Pollan: "Essen Sie. Nicht zu viel. Und meistens Pflanzen." Wir wissen, dass tierische Lebensmittel weder für uns noch für den Planeten gesund und nachhaltig sind. Ein weiteres Problem ist, dass über ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel im Müll landen. Wenn wir unseren Fleischkonsum und die Lebensmittelverschwendung reduzieren, ist unsere Ernährung schon um einiges nachhaltiger.

Bewusster Konsum könnte also der Schlüssel zu mehr Nachhaltigkeit sein?

Anthes: Ja. Ich denke, je näher wir den Dingen sind, die wir konsumieren, desto höher ist auch unsere Wertschätzung ihnen gegenüber. Wir sollten wieder mehr genießen und die Distanz zwischen uns und unserem Essen schließen. Transparenz ist hier entscheidend: Je mehr wir über Herkunft, Qualität und Nachhaltigkeit unserer Lebensmittel wissen, desto bewusster können wir entscheiden.

Was ist die größte Herausforderung bei nachhaltiger Ernährung?

Anthes: In Deutschland sind rund 13 Millionen Menschen armutsbetroffen. Obwohl Lebensmittel heutzutage so günstig wie nie sind, können sich viele Menschen gesunde und nachhaltige Lebensmittel – vor allem frische Bio-Lebensmittel – schlicht nicht leisten. Der Fehler liegt also im System, das muss sich ändern.

Wer Fleisch isst, wird immer öfter schief angeguckt. Gibt es in Zukunft nur noch Vegetarier?

Anthes: Nein, so einfach funktioniert Zukunft nicht – und jeder Trend hat einen Gegentrend. Echter gesellschaftlicher Fortschritt entsteht, wenn zwei Strömungen zusammentreffen. Nehmen wir Veganismus und Fleischkonsum, ergibt sich als Schnittmenge der Zukunftstrend Flexitarismus: der reduzierte, aber bewusste Konsum von Fleisch und tierischen Produkten.

Fleisch, Milch und Milchprodukte werden also nicht von unseren Speiseplänen verschwinden. Aber die Hersteller müssen mehr auf Transparenz und Qualität achten und sollten pflanzlichen Alternativen oder Trends wie In-vitro-Fleisch gegenüber offen sein.

In einer genussvollen und klimaschonenden Ernährung muss nicht auf Milchprodukte verzichtet werden – das war übrigens auch ein Ergebnis des Round Table "Veggi, flexi, … was?" der Initiative Milch, an dem ich teilgenommen habe.

Der Markt mit vegetarischen oder veganen Alternativprodukten zu Fleisch- oder Milchprodukten boomt. Was halten Sie von solchen Ersatzprodukten?

Anthes: Sie helfen uns, mit unseren Gewohnheiten zu brechen und neue Dinge auszuprobieren. Damit sind sie ein wichtiger Baustein der Transformation unserer Ernährung in Richtung einer Planetary Health Diet, bei der wir sowohl auf unser individuelles Wohlbefinden als auch auf die planetare Nachhaltigkeit achten – Gesundheit Next Level sozusagen.

Von vegan bis Clean Eating: Welche der aktuellen Foodtrends sind denn besonders nachhaltig?

Anthes: Die wichtigsten Stellschrauben für mehr Nachhaltigkeit sind wie gesagt der Konsum tierischer Produkte und die Lebensmittelverschwendung. Die passenden Trends in Sachen Nachhaltigkeit sind zum einen "Plant Based Food", also pflanzlicher Fleischersatz, hergestellt zum Beispiel aus Erbsen, Soja oder Weizen. Und zum anderen "Zero Waste Food" oder "Circular Food". Hier geht es darum, überschüssige Lebensmittel oder Nebenprodukte wiederzuverwenden oder weiterzuverarbeiten. Im Bereich dieser Foodtrends gibt es gerade viele Start-ups und neue Produkte auf dem Markt. Die Trends kommen gesellschaftlich auch gut an, denn sie klingen im Vergleich zu Trends wie "vegan" oder "free from" nicht nach Verzicht und sind weniger extrem.

Welche Trends werden die nächsten Jahre dominieren?

Anthes: Wenn wir über "Jahre" sprechen, sollten wir uns dazu die Megatrends anschauen, die hinter den Food Trends stehen. Und da sind es die Megatrends Gesundheit, Nachhaltigkeit, Individualisierung und Konnektivität, die bestimmen werden, was auf unseren Tellern landet – und die Megatrends New Work, Mobilität und Urbanisierung, die beeinflussen, auf welche Art und Weise wir essen.

Was glauben Sie, wie ernähren sich die Menschen in fünfzig Jahren?

Anthes: Man sagt, dass sich in Sachen Ernährung in den nächsten zehn Jahren so viel verändern wird, wie in den letzten hundert Jahren. Diese enorme Dynamik hat einen Grund: Wandel entsteht entweder durch Visionen oder Dringlichkeit – und aktuell ist beides gegeben. Durch den Klimawandel und die Zunahme von Krankheiten durch falsche Ernährung haben wir großen Handlungsdruck – aber eben auch eine Fülle an Innovationen und neue Antworten auf diese Probleme. Jetzt kommt es darauf an, wie schnell wir Menschen unsere Gewohnheiten überwinden und unser Verhalten ändern. Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass wir in fünfzig Jahren Milch trinken werden, die der Milch einer Kuh mikrobiologisch und chemisch eins zu eins entspricht, aber ohne Kuh hergestellt wurde.