Trendforscher: Die kleinen Freuden erleben ein Comeback

Prof. Peter Wippermann ist Trendforscher, Buch-Autor und Referent zu Themen des gesellschaftlichen Wandels. (spot)

Trendbüro

19.01.2021 11:15 Uhr

Die Corona-Krise hat uns weiterhin fest im Griff. Kleine alltägliche Freuden werden nun umso wichtiger, erklärt Trendforscher Prof. Peter Wippermann.

Die Corona-Krise stellt unseren Lebensalltag vor enorme Herausforderungen. „Das Zuhause ist zum neuen Headquarter geworden, in dem alles stattfindet und Platz haben muss: Arbeit, Familie und Freizeit“, fasst es Trendforscher Prof. Peter Wippermann (71) zusammen. Ist es unter diesen Umständen überhaupt möglich, fröhlich zu bleiben? Im Dezember 2020 hat QVC 2.000 Frauen in Deutschland, Italien, Großbritannien und Japan gefragt, was ihnen im Alltag Freude bringt. Wippermann wirft einen Blick auf die Strategien – und verrät, was davon bleiben wird.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Veränderung, die die Pandemie in unserem Alltag bewirkt hat?

Prof. Peter Wippermann: Noch vor der Pandemie wurde das Leben rund um den Arbeitsplatz organisiert. Viele Arbeitnehmer mussten Homeoffice-Tage mühsam einfordern, nun ist es eine Notwendigkeit. Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, die schon vorher immer mehr verwischten, gibt es damit nicht mehr. Das Zuhause ist zum neuen Headquarter geworden, in dem alles stattfindet und Platz haben muss: Arbeit, Familie und Freizeit. Zeit für sich selbst muss in der Enge oft hart erkämpft werden. Wann sich dieser Zustand verändern wird, ist nicht absehbar.

Ist es unter diesen Umständen überhaupt möglich, Freude zu empfinden?

Prof. Wippermann: Die Chance gibt es immer, aber es braucht dafür ein Downshifting der eigenen Ansprüche. Kleine alltägliche Freuden erleben ein Comeback. Sie werden nun wichtiger, das sagt laut der QVC-Umfrage mehr als jede zweite Frau. Brotbacken war ja ein großer Pandemie-Trend: Dinge selber machen, mit den eigenen Händen etwas gestalten. Um diese Momente zu genießen, müssen wir mehr denn je lernen, uns abzugrenzen. Die Hälfte der befragten Frauen gibt an, dass sie sich künftig mehr auf das eigene Wohlbefinden konzentrieren wollen.

Gesunder Egoismus also?

Prof. Wippermann: Ich würde es als Investition in die eigene mentale Stärke bezeichnen. Denn diese bleibt das wichtigste Werkzeug, um gut durch die Pandemie zu kommen. Das zeigt auch der Boom von Apps und digitalen Plattformen, die mentales Selbstcoaching anbieten, wie zum Beispiel die Meditations-Apps 7Mind oder Insight Timer. Die Nachfrage von Firmen nach der App Headspace stieg im Jahr 2020 um 500 Prozent. Inzwischen gibt es sogar eine begleitende Netflix-Serie. Bei der Inneneinrichtung der Wohnung drehen sich die Trends ebenfalls um Selbstberuhigung: mit Aroma-Diffusoren, sanfter LED-Beleuchtung und runden Möbel-Formen ohne Ecken und Kanten zieht eine neue Coziness ein.

Welche weiteren Trends werden unser Freizeitverhalten in der kommenden Zeit bestimmen?

Prof. Wippermann: Zwei Drittel der deutschen Frauen vermissen es laut der Umfrage, ins Restaurant oder Café zu gehen. Aber nur 20 Prozent vermissen das Fitnessstudio. 59 Prozent der US-Amerikaner planen laut einer Umfrage des Brokers TD Ameritrade, nach der Pandemie nicht mehr in ihr Fitnessstudio zurückzukehren. Die Tage der Gyms könnten also gezählt sein. Nach einer intensiven Phase der Hometrainings per Video während der ersten Lockdowns haben sich viele Menschen vernetzte Trainings-Geräte für zu Hause angeschafft. Als weitere Komponente wird das Training an der frischen Luft neu entdeckt. Jede zweite Deutsche geht laut der Umfrage regelmäßig raus und macht Sport, um dem Tag Struktur zu geben. Diese Draußen-Aktivität lässt sich perfekt kombinieren, wenn man sich einen Hund angeschafft hat.

Wird der Trend zum Haustier überdauern?

Prof. Wippermann: Cheewy, ein E-Commerce-Händler für Haustier-Futter und -Accessoires, zählte 2020 in den USA zu den großen Pandemie-Gewinnern. 2021 rechnet das Unternehmen mit Umsätzen von sieben Milliarden US-Dollar.

Wie verändert sich das Shoppingverhalten in diesen Zeiten?

Prof. Wippermann: Einerseits shoppt auch der letzte Skeptiker mehr online, weil Läden zeitweilig geschlossen sind und viele Produkte nicht mehr analog gekauft werden können. Aber es entstehen auch neue emotionale Shoppinganlässe. 38 Prozent der deutschen Frauen kaufen online ein, um sich selbst zu belohnen, zum Beispiel für die Arbeit im Homeoffice. In Japan tut das sogar jede zweite Frau. Andere mit geshoppten Produkten glücklich zu machen, ist den Deutschen ebenfalls wichtig. Das kann die eigene Familie sein oder einfach Menschen, die sich uns gegenüber nett verhalten haben. Wer Freundschaften und Beziehungen pflegt, profitiert in schwierigen Zeiten davon – auch das hat uns die Pandemie gelehrt.

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