Montag, 1. Januar 2018 17:11 Uhr

TV-Kritik Neujahrs-Tatort „Mord Ex Machina“

Hauptkommissar Stellbrink erlebt in seinem siebten Saarland-Fall heute Abend ab 20.15 Uhr im Ersten, welche Abgründe sich in der digitalen Welt auftun können. Und dass auch er selbst angreifbar ist.

TV-Kritik Neujahrs-Tatort "Mord Ex Machina"

Devid Striesow alias Hauptkommissar Jens Stellbrink im Gespräch mit Steve Windolf alias Victor Rousseau. Foto: SR/Manuela Meyer,

Auf den ersten Blick sieht im neuen „Tatort“ alles nach Selbstmord aus. Denn was könnte es anders sein, wenn jemand mit seinem Wagen ungebremst durch die Absperrung eines Parkdecks rast und in die Tiefe stürzt? Der Fahrer, Firmen-Justiziar Sebastian Feuerbach (Nikolai Kinski), sitzt nach dem Vorfall tot hinter seinem Steuer. Doch Hauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) wird schnell misstrauisch, als er erfährt, dass es sich hier um ein autonom fahrendes Auto handelt – und zwar just von jenem Unternehmen, das auf das Sammeln von digitalen Daten spezialisiert ist und in der gleichen Nacht gehackt wurde.

Es ist ein neues Metier, in das der „Tatort“-Ermittler aus dem Saarland in seinem siebten Fall eintauchen muss: Denn in „Mord Ex Machina“ geht es um die schöne neue Welt des Vernetzt-Seins, um Daten und Datendiebstahl. Und vor allem darum, was die digitale Technik für die Menschen mit sich bringen kann – an Chancen, aber auch an Risiken.

Informationen sind Macht

Daten, das lernt Stellbrink von Firmen-Chef Victor Rousseau (Steve Windolf) schnell, sind Informationen. Und Informationen sind Macht. „Wenn ich alles über Sie weiß, gehören Sie mir.“ Wer aber hat in diesem Fall Interesse an diesem Wissen? Die Autoindustrie? Die Bundesregierung, die ihre Fahrzeug-Flotte umrüsten will? Die Hacker, die das große Geld wittern?

Regisseur Christian Theede jedenfalls gelingt es in seinem ersten „Tatort“ überzeugend, aus einem abstrakten Thema einen Krimi zu machen, der die Zuschauer auf mehreren Ebenen fesselt. Der spannend ist und überraschend und zugleich eine aktuelle gesellschaftliche Diskussion aufgreift.

TV-Kritik Neujahrs-Tatort "Mord Ex Machina"

Abschied: Judith Sehrbrock alias Susa Feuerbach und Nikolai Kinski alias Sebastian Feuerbach. Foto: SR/Manuela Meyer,

Ihm ging es auch darum, so Theede im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, „alle Figuren glaubhaft und emotional darzustellen – trotz des komplexen Themas und des komplexen Handlungsverlaufes.“ Gleichzeitig wollte er bei den Figuren an dem bleiben, was der Zuschauer kennt.

Der Kommissar trägt keine Gummistiefel mehr

Wobei der Kommissar aus dem Norden eine Wandlung vollzogen hat. Er ist zwar immer noch der empathische und zugleich scharfsinnige Ermittler, aber er trägt keine Gummistiefel mehr und fährt auch keine alte rote Vespa mehr. Der „Saarbrücken-Tatort“ ist mit ihm bodenständiger geworden, in der Gegenwart angekommen. Rauchende Schlote gibt es zwar noch, aber eher als romantische Industriekulisse am Abend.

TV-Kritik Neujahrs-Tatort "Mord Ex Machina"

Der „Erlkönig“ auf Abwegen. Foto: SR/Manuela Meyer

In dem Bundesland, in dem Kohle und Stahl lange eine große Rolle spielten, entwickelt sich eine bedeutende IT-Branche, blüht heute der Handel mit Daten. Auch wenn der Kommissar verblüfft fragt: „Was – hier?“ Und darauf von seiner Kollegin die lapidare, aber eben zutreffende Antwort erhält: „Strukturwandel. Technologiestandort Saarland.“

Stellbrink jedenfalls gelingt es schnell, sich in dieser Welt zurechtzufinden und gegenzuhalten. Sein Katz-und-Maus-Spiel 4.0 mit der attraktiven Hauptverdächtigen Natascha Tretschok (Julia Koschitz) erhöht die Spannung noch.

Nichts geht wirklich noch verloren

Und es offenbart zugleich, dass ein Daten-Angriff nicht nur eine Firma betreffen, sondern tief in die persönliche Geschichte und eigene Verletzbarkeit gehen kann. Anders formuliert: „Es gibt genug Dreck, um jemanden zu bewerfen. Man darf nur keine Angst haben, sich dreckig zu machen.“

TV-Kritik Neujahrs-Tatort "Mord Ex Machina"

Nikolai Kinski alias Sebastian Feuerbach verletzt im Auto. Foto: SR/Manuela Meyer,

Fragt sich nur, wer inmitten all des persönlichen „Drecks“ ein Motiv hat, den Justiziar mit Hilfe der digitalen Datentechnik ins Off zu befördern. Denn so einfach, wie es sich Firmen-Chef Rousseau macht, der Computer deshalb so gerne mag, weil man da nur Nullen und Einsen habe, ist es eben doch nicht. „Es gibt nur Einsen und Nullen“, belehrt Stellbrink ihn. „Und es ist trotzdem Mord.“

Da ist es letztendlich egal, ob jemand die Welt retten, etwas vertuschen oder sich nur selbst einen Vorteil verschaffen will. Am Ende kommt der Kommissar dem Täter doch auf die Spur. In diesem Fall passenderweise nicht trotz, sondern dank der Datentechnik. Denn das ist das Schöne an der digitalen Welt: Es geht nichts wirklich verloren. Man muss nur wissen, wo man zu suchen hat. (Katja Sponholz, dpa)

OK

Hinweis: Durch Nutzung von klatsch-tratsch.de stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Mehr erfahren