Sonntag, 5. August 2018 18:20 Uhr

TV-Kritik: „Tatort“: 88 Minuten in nur einer Kamerafahrt

Manchmal wackelt die Kamera gehörig, aber das ist Programm: Der heutige „Tatort“ nimmt die Zuschauer wie bei einer Live-Aufnahme mitten ins Geschehen mit. Einen Filmschnitt gibt es nicht. Aber die Spannung ist ebenso spürbar wie der Tod.

TV-Kritik: "Tatort": 88 Minuten in nur einer Kamerafahrt

Foto: SRF/Hugofilm

Ein Krimi, bei dem die Leiche fast eine Stunde auf sich warten lässt? Der 88 Minuten fast nur in einem einzigen Gebäude spielt? Wie spannend das sein kann, zeigt der „Tatort“ mit dem Titel „Die Musik stirbt zuletzt“ an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im Ersten. Ein szenischer Kniff nimmt die Zuschauer dabei hautnah mit ins Geschehen: Die ganze Handlung ist mit einer einzigen Kamera ohne Unterbrechung durchgefilmt, ähnlich wie der 140 Minuten lange Kinofilm „Victoria“ aus dem Jahr 2015 mit Frederick Lau. Der Kameramann läuft den Schauspielern hinterher, einschließlich bei einer Verfolgungsjagd. Das Bild wackelt manchmal, und genau das vermittelt das Gefühl, beim Verbrechen live dabei zu sein.

Giftanschlag

Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) ist privat bei einer eleganten Benefiz-Gala im Konzertsaal von Luzern. Plötzlich torkelt der Klarinettist des Orchesters, Vincent Goldstein (Patrick Elias), um Luft ringend von der Bühne. Seine Zuckungen, der Luftröhrenschnitt mit dem Messer vom Buffet – überall ist die Kamera ganz nah dran. Der Klarinettist überlebt zwar, aber dass es ein Giftanschlag war, ist schnell klar. Sofort tun sich die Abgründe rund um den Mäzen und Israel-Freund auf, der das Gala-Konzert gesponsert hat.

TV-Kritik: "Tatort": 88 Minuten in nur einer Kamerafahrt

Foto: SRF/Hugofilm

Der von Hans Hollmann brillant gespielte alternde Unternehmer und Milliardär Walter Loving hat vor mehr als 75 Jahren Juden vor den Nazis gerettet, für Geld. 30 Prozent Provision, wie er einräumt. Nicht alle, von denen er kassiert hat, überlebten aber. Zwei, deren Großeltern Loving in Todesangst ihr Vermögen gaben und die trotzdem im Konzentrationslager umgebracht wurden, stehen an diesem Abend auf der Bühne und planen Rache. Der Klarinettist war einer davon.

Ritschard ermittelt im lachsfarbenen Abendkleid. Den Kollegen Reto Flückiger (Stefan Gubser) holt sie vom Fußballplatz, und er geht in Trikot, kurzen Hosen und Badelatschen auf Verbrecherjagd. Denn sie glauben, dass der Täter gleich noch einmal zuschlagen wird.

Todeskampf vor der Kamera

Der Regisseur wirft ein paar Nebelkerzen: Zwei Frauen wird es plötzlich übel, und die Kamera macht auch vor dem Kotzen auf der Damentoilette nicht halt. Ritschard hatte mal etwas mit dem Dirigenten. Flückiger wurde vor Jahren niedergestochen von Franky Loving (Andri Schenardi), der abwechselnd gegen seinen Vater Walter wütet oder um seine Liebe buhlt. Zwielichtig erscheinen auch Lovings immer noch loyale Ex-Frau (Sibylle Canonica) und seine Juristin (Uygar Tamer). Ihr macht der greise Loving mit Rollator einen Heiratsantrag, sie ist aber von seinem Sohn Franky schwanger.

TV-Kritik: "Tatort": 88 Minuten in nur einer Kamerafahrt

Foto: SRF/Hugofilm

Schließlich gibt es noch mindestens einen Mord, vielleicht auch zwei, und einen Todeskampf vor der Kameralinse. Dass es nicht zu beklemmend wird, dafür sorgt Franky. Mit sarkastischen Einwürfen und dem Blick direkt in die Kamera holt er die Zuschauer immer wieder auf das sonntägliche „Tatort“-Schauen auf dem Sofa zurück.

„Drei Minuten bleiben uns noch…“

„Lächerlich, deshalb mag ich keine Krimis“, sagt er an einer Stelle. „Statt zu sagen, bei wem sie das Gift gefunden haben, macht die Regie einen auf Spannung.“ Oder am Ende: „Drei Minuten bleiben uns noch, aber der „Tatort“ ist ja gleich um. Keine Angst, es gibt ein Fernsehgebot, dass man sterbenden Menschen nicht zusehen darf.“

TV-Kritik: "Tatort": 88 Minuten in nur einer Kamerafahrt

Foto: SRF/Hugofilm

88 Minuten ohne Unterbrechung zu filmen, war für die Macher eine Herausforderung. „Man konnte nicht abbrechen oder aufgeben, es galt die Unerbittlichkeit des Moments“, sagte Regisseur Dani Levy. Kameramann Filip Zumbrunn musste die Unterarme trainieren, um die Kamera 90 Minuten halten zu können. Die Schauspieler mussten improvisieren. Dass Ritschards Rocksaum bei einem Sprint zerriss, war nicht geplant, ist aber nun Teil des Films. Chaos auch, weil die Sanitäter nicht auftauchten, obwohl das so nicht im Drehbuch stand.

Die Chance zur Improvisation nutzten die Kommissare vielleicht auch bei diesem Schlagabtausch: „Bist du bescheuert!“, brüllt Flückiger Ritschard an. „Dann lass dich schön verarschen!“, keift sie zurück. (Christiane Oelrich, dpa)

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