Sonntag, 1. September 2019 18:53 Uhr

TV-Kritik Tatort „Falscher Hase“: Schwarze Komödie mit Liebesgeschichte

Foto: HR/Bettina Müller

Leitungsdrähte, die wie schwarze Linien über den Bildschirm ziehen vor weißer Weite. Eine Filmmusik, die frösteln lässt. Mainhattan ist weit im neuen Frankfurt-Tatort.

Wenn Frankfurt als die amerikanischste aller deutschen Großstädte bezeichnet wird, ist in der Regel die Skyline von „Mainhattan“ mit Bürohochhäusern und Wohntürmen gemeint. Der Mittlere Westen der USA drängt sich nicht gleich als Idee auf. Im neuen Frankfurter „Tatort“ am heutigen Sonntagabend (20.15 Uhr, Das Erste) ist von Wolkenkratzern nichts zu sehen.

Stattdessen ist die Episode „Falscher Hase“ unter der Regie von Emily Atef eine Hommage an den Kinoklassiker „Fargo“.

TV-Kritik Tatort "Falscher Hase": Schwarze Komödie mit Liebesgeschichte

Foto: HR/Bettina Müller

Die Kamera erweckt den Eindruck winterlicher, amerikanischer Weite so gut wie das im eher milden Klima am Main eben möglich ist: Nebel, grauer Himmel, zwei sich im Fast-Nirgendwo kreuzende schmale Straßen, einsame Bäume wie am Ende der Welt. Da schafft es Kameramann Armin Dierolf sehr überzeugend, in der eigentlich dicht-besiedelten Landschaft eine Atmosphäre einzufangen, als komme dort nur alle drei Stunden mal ein Auto vorbei. Und auch die Musik lässt frösteln und passt zu Einsamkeit und Kälte.

Darum geht’s

Die Fernsehkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) müssen in „Falscher Hase“ auch ohne Schneesturm frieren: Im Polizeipräsidium sind Bautrupps unterwegs, und die Heizung funktioniert nicht. Da ist ein Ruf zum Tatort doch gleich willkommen. Anders als die TV-Ermittler wissen die Fernsehzuschauer schon in den ersten fünf Minuten, was es mit dem Tod eines Wachmanns und dem gefesselten und angeschossenen Inhaber eines mittelständischen Unternehmens auf sich hat. Nicht die Frage „Wer war es?“ beherrscht diesen Sonntagskrimi, sondern eher: „Was geht als Nächstes schief?“.

TV-Kritik Tatort "Falscher Hase": Schwarze Komödie mit Liebesgeschichte

Foto: HR/Bettina Müller

Denn Hajo und Biggi Lohmann (Peter Trabner und Katharina Marie Schubert), überfordertes und in finanziellen Nöten steckendes Unternehmerpaar, weiß weder ein noch aus. Die Firma steht vor der Pleite, ein fingierter Raubüberfall soll mit Versicherungsgeldern die Sanierung und die Rettung der Arbeitsplätze ermöglichen. Aber dann kommt alles ganz anders.

Schräge Figuren und Dialoge

„Es wird alles wieder gut“, stammelt Biggi ihrem schnauzbärtigen Ehemann tröstend zu – und ihre schreckgeweiteten Augen verraten: Irgendwie ist es zu spät für ein Happy End. Eine Gruppe von Kleinkriminellen kommt ins Spiel, die Rivalität zweier Brüder, die Ereignisse überschlagen sich. Nur die Liebe zwischen Biggi und Hajo, die ist so unverbrüchlich, dass auch hartgesottene Krankenschwestern und Polizistinnen sentimental werden, wenn sie die beiden kuscheln sehen.

TV-Kritik Tatort "Falscher Hase": Schwarze Komödie mit Liebesgeschichte

Foto: HR

An schrägen Figuren und Dialogen herrscht kein Mangel in diesem „Tatort“, für den Regisseurin Atef auch das Drehbuch verfasste. Hinzu kommt eine Ausstattung, die wie in der Zeit festgefroren wirkt. Selbst die Farben erinnern an verblasste Polaroid-Familienbilder aus den späten 70er oder 80er Jahren. Wenn Hajo und Biggi etwas zu feiern haben, gibt es Toast Hawaii und Käsespießchen. Die Fön-Welle der Witwe des Wachmanns mit Hilfe von Haarspray wie erstarrt. Anouk, Frau eines Feinkosthändlers mit nicht nur sauberen Machenschaften, ist ein selbstbewusstes Luxus-Biest wie aus dem 80er Jahre Fernsehen. Da wirken Brix, Janneke und die Spurentechniker, als seien sie in die Vergangenheit gereist.

Schon in der Vergangenheit liebäugelten die Frankfurt-Tatorte mit anderen Genres als dem reinen Kriminalfilm. Im Fall von „Falscher Hase“ ist eine Mischung von Krimi, schwarzer Komödie und Liebesgeschichte herausgekommen, voller Antihelden. Auch kleine Rollen können hier Akzente setzen – wobei Schuberts „Biggi“ diesen Tatort prägt mit ihren großen Augen und der verzweifelten Hoffnung, dass alles doch noch gut werden könnte. (Eva Krafczyk, dpa)

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