Warum Trash-TV den Lockdown rettet

TVNOW, RTLZWEI

04.04.2021 16:00 Uhr

Klar hab ich den „Bachelor“ geguckt, natürlich weiß ich wer bei „Love Island“ gewonnen hat und selbstverständlich bin ich schon bereit für die nächste Staffel „Promis unter Palmen“! Trash-TV scheint seit dem Lockdown kein „guilty pleasure“ mehr zu sein, sondern der große Retter in der Not!

Der Lockdown geht in die dritte Runde und so langsam ist die Luft raus. Ich hab keine Lust mehr, spazieren zu gehen, Bananenbrot zu backen, Hula-Hoop zu lernen oder sonst irgendeinen Lockdown-Trend mitzumachen. Ich will zwei Stunden in der Berghain-Schlange anstehen. Drinnen Menschen umarmen, die ich eigentlich nicht mag, mich an schwitzigen Körpern vorbei an die Bar drängeln, 15€ für meinen Gin Tonic bezahlen und dem Taxifahrer im Morgengrauen betrunken von meinem Leben erzählen.

Geht nicht. Corona, Inzidenzwert – ihr wisst schon. Ihr seid ja alle live dabei. Aber zum Glück gibt es da einen Ort, an den wir flüchten können, an dem noch alles beim Alten ist. Eine Art Parallesuniversum: Die Welt des Trash-TVs!

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Faszination Reality-TV

Springen wir mal kurz ein paar Jahre zurück. Damals, als „Frauentausch“, „Das Dschungelcamp“, „Mitten im Leben“ & Co. die Fernsehlandschaft eroberten. Bomben Einschaltquoten, aber niemand hat’s gesehen. Ist doch auch schließlich nur was für Menschen, denen ein erheblicher Teil Gehirnmasse fehlt. 2021: Meine beste Freundin, die Jura studiert hat und in einem großen Unternehmen in der Rechtsabteilung sitzt, fragt mich bei WhatsApp, ob ich schon vom großen „Bachelor“-Skandal gehört habe.

Donnerstagabend veranstalten meine Mädels und ich (alle studierte Akademikerinnen) bei TVNOW eine virtuelle Couchparty, um gemeinsam die neuste Folge „Are You The One“ zu gucken und uns von Macho-Marcel, Dubai-Viktoria und Playboy-Germaine aus der Lockdown-Tristesse reißen zu lassen. Mein Freund (ungefähr der intelligenteste Mensch, den ich kenne) erzählt mir völlig euphorisch, dass er im Podcast von Klaas gehört hat, dass „Promis unter Palmen“ in die nächste Runde gehen soll. Peinlich ist das hier niemandem. Im Gegenteil! Trash-TV scheint während Corona irgendwie massentauglich geworden zu sein.

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Auf den „Bachelor“ ist Verlass

Kein Wunder, denn während es beim Thema Corona-Politik und aktuelle Maßnahmen keinerlei Beständigkeit gibt, niemand die Frage beantworten kann, wann denn nun endlich mal eine Ende des ganzen Lockdown-Albtraums in Sicht ist, ist auf den Bachelor Verlass. Und auf Greta und Fynn. Auf Aaron und Kathleen und wie die ganzen anderen Reality-TV-Stars und Influencer von morgen auch alle heißen mögen. Die Welt steht sowieso gerade Kopf, wenn ich also den Fernseher oder den Streamingdienst meiner Wahl einschalte, will ich einfach kurz abschalten. Ich will lachen, den Kopf schütteln, mich fremdschämen (Trash-TV-Profis sagen dazu übrigens „cringe“) und die ganzen Corona-Sorgen vergessen. Und so scheint es ungefähr allen zu gehen, mit denen ich mich unterhalte.

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Der Lockdown lässt Trash-TV-Herzen höher schlagen

RTL & Co. haben diesen Wunsch erhört, denn in der Welt des Trash-TVs gibt es keine Virus-Mutation, keine FFP2-Masken und auch keine Abstandsregeln. Dafür fließt der Alkohol in Sturzbächen und im „Boom Boom Room“ geht’s heiß her. Das Angebot ist riesig: „Love Island“, „Der Bachelor“, „Promis unter Palmen“, „Are You The One“, „Temptation Island“, „Kampf der Reality-Stars“… die Liste könnte ewig so weiter gehen.

Selbst Streaming-Riese Netflix springt auf den Zug mit auf und strahlt scripted Reality-Formate wie „Too hot to handle“ oder „Love is blind“ aus. Mit großem Erfolg: Knapp 30 Millionen Haushalte sollen während des ersten Lockdowns im März 2020 die Show „Love is blind“ gesehen haben.

Netflix

It’s Trash-TV-o’clock

Die letzten Monate haben uns alle viel Disziplin, Verantwortung und Verpflichtungen gekostet. Ich will mich nicht mehr zusammenreißen. Und weil die illegale Corona-Party um die Ecke keine Option ist, lass ich mich halt einfach ganz legal beim abendlichen Binge-Watching gehen und entscheide mich anstelle von Bildungsfernsehen für die nächste Folge „Temptation Island“.

Irgendwann ist ja auch mal gut mit der ganzen Selbststrenge! Wenn nicht jetzt, wann dann? Ganz ehrlich: Wenn der ganze Spuk hier irgendwann mal vorbei ist, hat eh keiner mehr Zeit für den „Bachelor“, „Love Island“-Couples & Co. Sorry, RTL! Na okay, vielleicht alle die, die vor den heiligen Türen des Berghains von Sven Marquardt höchstpersönlich ein „Heute nicht“ ins Gesicht geschleudert bekommen und traurig von dannen ziehen müssen. Cringe… (AB)