Sonntag, 16. September 2018 16:54 Uhr

Warum uns der Fall Daniel Küblböck so berührt

Eine Woche ist es jetzt her, dass Daniel Küblböck mit seinem Verschwinden von Bord der AIDAluna den Traffic vieler Websiten nach oben trieb. Warum hat uns das so berührt?

Warum uns der Fall Daniel Küblböck so berührt

Daniel Küblböck beim Shooting für „Verrückt nach Fluss“ im September 2016. Foto: Schultz-Coulon/WENN.com

Seine Karriere begann mit Dieter Bohlen und sie endete tragischerweise im übertragenen Sonne mit Dieter Bohlen oder besser gesagt dessen Pullover. Was für ein Stoff für ein großes Drama!

Scheidungskind, Kindergartenenpraktikant, Paradiesvogel bei RTL. Wer erinnert sich nicht an den Moment am 1. Februar 2003, an dem Küblböck bei DSDS mit einem Weinkrampf zusammenbrach und Moderatorin Michelle Hunzinger gleich mit, als sie rief „Ich mache das nicht mehr mit!“ Ab da ging es bergauf mit dem Schicksal.

Der zerbrechliche Exot wurde Dritter bei DSDS. Ein „Superstar“! Chartplatzierung ganz oben.

Dann kam das Dschungelcamp und mit ihm eine echte Küblböcksche Sternstunde: Als er in einem gläsernen Sarg lag und 30.000 Kakerlaken über ihn herabregneten. Millionen lachten sich schlapp bei diesen Szenen. Seine Reaktion dabei: Auch noch den Mund weit aufreißen und schreien! Was für ein Kontrollverlust! Und was für ein Spaß.

Dann war da 2004 der Unfall mit einem Gurkenlaster. Küblböck ohne Führerschein, schwer verletzt. Schaden 150.000 Euro! Es gab sogar eine Meldung in der 20.00 Uhr-Tagesschau! Dann folgte mit 19 Jahren eine Biografie und ein Kinofilm. Doch weil „Daniel, der Zauberer“ floppte war’s das dann mit den fortwährenden Erfolgen.

Immer wieder neu erfinden?

Ab 2007 wollte sich Daniel neu erfinden: er versuchte es mit Country, mit einer Talkshow, mit Jazz und danach auch mit spanischen Songs.
Dann kam die Investitionen in Solarenergie, die ihn angeblich zum Millionär, und eine Oma, die ihn zum Adoptivkind gemacht hatte. Fortan hieß er Kaiser-Küblböck. Schluss mit lustig. Dann wollte Kaiser-Küblböck 2015 zum Eurovision Song Contest, wurde aber von einer Jury für den deutschen Vorentscheid abgelehnt. Danach wieder Stille. Mal abgesehen von einem Auftritt in der ARD-Vorabend-Reisedoku „Verrückt nach Fluss“, für deren Promotion er sich auch in ein Schlauchboot setzte.

An Bord der Aidaluna habe er sich als Jana Kaiser ausgegeben, heißt es jetzt. Überhaupt ist die Berichterstattung über die private Reise ein Meer an Konjunktiven. Er habe, er hätte, er soll… Gerüchte statt Gewissheiten.

Sein halbes kurze Leben schien ein Missverständnis. Wie schließlich auch Dieter Bohlens Pullover eins in dessen Instagram-Video gewesen sein soll. Ein Missverständnis zwischen dem Künstler und dem Menschen Küblböck. Ein Missverständnis zwischen ihm und seinem Publikum. Weil man nicht verstand, wofür steht er denn nun eigentlich?

„Der Prototyp aller Nervensägen“

Auf allen Stationen seiner künstlerischen Reise zeigte sich Küblböck verwundbar. Gereizt, genervt, getrieben. „Der Prototyp aller Nervensägen“ (O-Ton ‚Der Spiegel) wurde belacht, abgelehnt, gemobbt. Fallengelassen wurde er schon viel früher. Bis zu diesem Sprung. Da stieg er innerhalb weniger Stunden wieder auf zum medialen Superstar. Das, was die RTL-Castingshow „DSDS“ im Titel führt.

Seit letzten Sonntag gilt Daniel Küblböck als vermisst. Die kanadischen Behörden hätten Aufnahmen von Bord des Kreuzfahrtdampfers beschlagnahmt, behauptet die ‚Bild‘-Zeitung jetzt. Darauf zu sehen angeblich die letzten Sekunden Küblböcks an Bord, wie der schließlich über die Reling klettert und sich ins Meer stürzt. Hätten wir das kommen sehen? Was nützen uns diese Bilder?

Leuten beim Scheitern zuzusehen – daraus machen TV-Sender doch ganze Formate und Serien. Mit tollen Quoten! Wir schauen hin, weil dieses Elend ja nicht uns betrifft und wir die Leute eh nicht kennen. Schicksal halt. Einerseits. Aber wir schauen auch hin wenn Prominente scheitern. Andererseits. Mit dem Ergebnis „Siehste mal, denen geht es genauso wie uns auch“!

Quelle: instagram.com

Filmreife Dramaturgie

Und nun wurde bei Daniel Küblböck zum Schluss hin alles wie in einem Filmdrama: Der Ablauf exakt wie in einem Drehbuch. Alles verdichtet sich und steuert auf das Ende zu – bevor der Abspann kommt. Dramaturgischer Wendepunkt dieser Küblböckschen Lebens-Odysseekurz vorm Abspann: als Mann in Frauenkleidern auf einer Seefahrt, die ja normalerweise lustig sein soll. In Frauenkleidern? Ja, in Frauenkleidern.

Und dann der dramaturgische Schlusspunkt: Die Reeling an Deck 5. Das ist es wohl, warum uns der sprichwörtliche Fall Küblböcks so berührt. Weil er letztlich doch einer von uns war. Einer von unseren Bekannten, Freunden, Nachbarn. Doch bei wie vielen haben wir weggeschaut, bis sie aus ihrem Leben sprangen?

Wie schön wäre es doch wenn Daniel irgendwo mit einem kleinen Schlauchboot stranden würde und auch dieses Ende nur ein Missverständnis wäre. (PV)

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