Mittwoch, 4. Juli 2018 20:15 Uhr

Was macht eigentlich das Ungeheuer von Loch Ness in diesem Sommer?

Bitterkalt, extrem tief und kaum Sicht im Wasser: Der Loch Ness in Schottland wirkt unheimlich. Hier soll Nessie ihr Unwesen treiben. Die Suche nach dem angeblichen Seeungeheuer ist längst nicht zu Ende.

Was macht eigentlich das Ungeheuer von Loch Ness in diesem Sommer?

Ein „Monster“ im Loch Ness Centre in Drumnadrochit. Foto: Silvia Kusidlo

Als Aldie Mackay im hohen Alter von ihrem Erlebnis im Jahr 1933 am Loch Ness berichtete, war ihr die Aufregung immer noch anzumerken. Sie habe damals ihren Mann angeschrien: „Halte an, da ist die Bestie!“, schilderte sie in einem Interview Jahrzehnte später. Auch der Geistliche Gregory Brusey erzählte bestürzt von seinem Nessie-Erlebnis, das er gemeinsam mit einem Freund im Jahr 1971 hatte: „Wir sahen plötzlich diesen langen Hals vom Wasser aufsteigen … Dabei hatten wir nicht einmal Whisky getrunken.“

Tausende Menschen wollen das Ungeheuer im Loch Ness schon gesehen haben. Alte Interviews mit Zeitzeugen präsentiert das Loch-Ness-Zentrum im Dorf Drumnadrochit, das an dem mysteriösen See liegt, der etwa 230 Meter tief, bitterkalt und sehr, sehr dunkel ist. Die angeblichen Nessie-Sichtungen lösten seit den 1930er Jahren einen gewaltigen Ansturm auf das Gewässer bei Inverness aus, der noch immer anhält.

Sie kommen aus aller Welt

„Es kommen Leute aus aller Welt: Chinesen, Japaner, Italiener, Iren, Deutsche und viele Amerikaner“, berichtet ein Busfahrer, der gerade wieder eine Ladung Touristen in Drumnadrochit abgesetzt hat. „Monster patrol“ (Monster-Patrouille) steht hinten auf seiner Weste. „So ein kleines Dorf, aber immerhin fünf Pubs“, witzelt der Schotte. „Und denken Sie dran: Wenn Sie Nessie sehen und es passiert was, das zahlt Ihnen keine Versicherung“, ruft er den Touristen hinterher.

Schottland hat Zehntausende Seen – und in vielen leben Sagen zufolge Geister und Ungeheuer. Doch nirgends gibt es einen solchen Hype wie beim Loch Ness. Die erste überlieferte Monster-Beobachtung war schon vor fast 1500 Jahren. Die Sichtungen nahmen mit dem Straßenbau in der Region in den 1930er Jahren zu. Können sich so viele Menschen irren?

Einer ziemlich gewagten Theorie zufolge könnte Nessie zu einer Reptiliengruppe aus der Urzeit gehören, etwa Plesiosauriern mit langem Hals und Flossen, die es im abgeschiedenen Gewässer irgendwie geschafft haben sollen, zu überleben und sich zu vermehren. Völlig unmöglich, meinen ernsthafte Forscher – allein schon, weil der See für eine solche Gruppe imposanter Tiere zu klein sei und nicht genug Nahrung biete. Trotzdem: Als Gag wurde neben dem Loch-Ness-Zentrum, etwas versteckt im Gras, ein Urzeittier aus Plastik drapiert.

Was macht eigentlich das Ungeheuer von Loch Ness in diesem Sommer?

Im schottischen Loch Ness südwestlich von Inverness soll „Nessie“ leben. Foto: Silvia Kusidlo

Ein riesiger Aal oder nur ein Giummischlauch?

Nessie könnte auch ein riesiger Aal oder ein anderer Fisch sein, eine gigantische Robbe, vielleicht auch nur ein profaner Gummischlauch oder ein Baumstamm, wird vermutet. Möglicherweise sind die Nessie-Beobachter aber auch ungewöhnlichen Wellenmustern und Luftspiegelungen in dem fast 40 Kilometer langen und etwa 1,5 Kilometer breiten Gewässer auf den Leim gegangen. Diverse Aufnahmen, die das Ungeheuer zeigen sollten, wurden als Fälschungen oder falsche Interpretationen entlarvt. Eine simple Ente oder eine vorbeifliegende Möwe können auf Fotos durchaus monströs wirken.

„Vielen lässt das alles immer noch keine Ruhe. Es gibt sogar jedes Jahr ein paar Leute, die nach Nessie privat suchen“, berichtet eine Mitarbeiterin des Loch-Ness-Zentrums. „Meistens sind die aber auf der anderen Seite des Sees. Da ist es ruhiger und einige Stellen sind besonders tief.“ So mancher machte heikle Vorschläge: etwa, den ganzen See zu vergiften und dann zu schauen, was oben treibt.

Was macht eigentlich das Ungeheuer von Loch Ness in diesem Sommer?

Ein Forscherteam um den neuseeländischen Professor Neil Gemmell (l) nahm Wasserproben aus dem Loch Ness. Foto: Universität Otago

War’s doch ein badender Zirkuselefant?

Der britische Paläontologe Neil Clark hält Nessie für einen badenden Zirkuselefanten. In den 1930er Jahren machten viele Wanderzirkusse auf der Reise durch Schottland am Loch Ness Halt, berichtet er im „Open University Geological Society Journal“. Als ein solcher Dickhäuter im See schwamm, waren laut Clark nur noch Rüssel und zwei Erhebungen – Schädeldecke und ein Teil des Rückens – zu sehen. Ein Zirkusdirektor habe als Marketinggag sogar 20 000 Pfund für die Ergreifung des vermeintlichen Ungeheuers geboten, so der Forscher von der Uni Glasgow. Für den Zirkusdirektor habe kein Risiko bestanden. „Er hatte das Ungeheuer vom Loch Ness bereits in seinem Zirkus.“

Der Amateurwissenschaftler Adrian Shine, der Jahrzehnte nach dem geheimnisvollen Wesen suchte, durchkämmte den See auch mit einer Flotte von Motorbooten und Sonargeräten. Doch von Nessie fand er keine Spur. Dabei wäre Shine und seinen Helfern noch nicht einmal eine Forelle entkommen, hieß es. Mancher vielversprechende Hinweis erwies sich sogar als peinlicher Flop: So fand eine Expedition der Zeitung „Daily Mail“ am Ufer des Loch Ness angeblich mysteriöse Fußspuren des Ungeheuers. Tatsächlich stammten sie aber von einem präparierten Flusspferdfuß, der als Schirmständer gedient hatte.

Forscherteam vor Ort

Mit kühlem Kopf versucht dagegen ein internationales Forscherteam, das Rätsel zu lösen. Erst kürzlich entnahm es 300 Wasserproben aus dem See. Die Forscher wollen auf diese Weise DNA-Spuren von Lebewesen im See nachweisen. Und ganz nebenbei erhoffen sie sich einen Hinweis darauf, ob es eine reale Grundlage für die Legende vom Ungeheuer gibt. Projektleiter Neil Gemmell glaubt zwar nicht an Nessie – aber er geht unvoreingenommen an die Studie heran: „Große Fische wie Wels und Stör wurden als mögliche Erklärungen für den Monstermythos vorgeschlagen, und wir können diese Idee und andere sehr gut testen.“

„Immer wenn sich eine Kreatur durch ihre Umgebung bewegt, hinterlässt sie winzige DNA-Fragmente aus Haut, Schuppen, Federn, Fell, Kot und Urin. Diese DNA kann eingefangen, sequenziert und dann verwendet werden, um diese Wesen zu identifizieren“, erklärt der Biomediziner. Das Projekt sei aber mehr als eine Monsterjagd, betont er. Es sollen bislang unbekannte Arten dokumentiert werden – vor allem winzige Bakterien. Wer neugierig ist, muss sich noch ein bisschen gedulden. „Ergebnisse der Studie werden nicht vor Januar 2019 vorliegen“, sagt eine Pressesprecherin der neuseeländischen Universität von Otago. (Silvia Kusidlo, dpa)

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