Freitag, 23. Februar 2018 19:57 Uhr

Was macht eigentlich Helmut Berger?

Helmut Berger macht Theater. Diesmal gibt’s aber keine der boulevardesken Skandalstories, sondern Neues von einem neuen Job der einstigen Skandalnudel. Der Mann spielt an der Berliner Volksbühne!

Die Kulisse sieht aus wie von Caspar David Friedrich gemalt, die Grillen zirpen – und mittenrein brüllt ein Zuschauer. Der Mann in der Berliner Volksbühne ruft aus einem ganz praktischen Grund. Er ruft: „Lauter!“ Denn der katalanische Regisseur Albert Serra hat mit „Liberté“ zwar absichtlich ein Stück „fast im Flüsterton“ gemacht, aber das hilft den Zuschauern hinten wenig.

Der Zwischenrufer wird nicht der einzige an diesem Abend sein. Und er umschreibt ganz gut, was derzeit los ist am Rosa-Luxemburg-Platz. Denn manche meinen, man höre zu wenig vom traditionsreichen Sprechtheater im Berliner Osten. Der Belgier Chris Dercon hat dort im Herbst die Intendanz übernommen. Und ihm schlägt viel Skepsis entgegen. Dercon leitete zuletzt das Londoner Museum Tate Modern. Er will neben dem Theater auf Tanz, Musik und Kunst setzen. Diesmal hat er den Katalanen Serra nach Deutschland geholt und mit ihm eine Reihe Altstars. Da ist zum Beispiel der Österreicher Helmut Berger, den die Zeitschrift „Vogue“ mal zum „schönsten Mann der Welt“ machte.

Leise Dialoge – lange Pausen

Das ist nun schon eine Weile her. Ebenso wie Bergers Hochzeiten, als er etwa in Filmen seines Förderers und Geliebten, dem legendären Regisseur Luchino Visconti mitspielte. Berger wagte sich zwischenzeitlich ins RTL-Dschungelcamp (für einen Tag) und stand den Privatsender für mehr oder weniger gescriptete Auftritte zur Verfügung. Und nun steht er mit 73 Jahren auf der Theaterbühne, wenn auch mit eher wenigen, aber durchaus ordentlichen Sätzen.

„Liberté“ spielt im späten 18. Jahrhundert: Eine Gruppe aus Frankreich sucht in Preußen nach Gleichgesinnten, die frei von gesellschaftlicher Prüderie und moralischen Grenzen leben wollen. Oder um es kurz zu sagen: Viele von ihnen treffen sich nachts zwischen Berlin und Brandenburg zu Sex-Dates. Das läuft zu diesen Zeiten anders ab als heute (ohne „Tinder“). Stattdessen besuchen sich Männer mit Perücken und Frauen mit Reifröcken in ihren Sänften. Das Bühnenbild gleicht einem opulenten Gemälde, sonst inszeniert Serra die Geschichte aber reduziert. Keine Videotechnik, sondern leise Dialoge. Und manche Gesprächspause. „Spielt doch ma‘ jetze“, ruft ein Premierengast dazwischen.

Was macht eigentlich Helmut Berger?

Foto: Rene Fietzek/Volksbühne

„Ein Haufen Schwerstgestörter“

Unter Dercons Vorgänger Frank Castorf bedeutete Theater Überlänge, Exzess und Überforderung. Die Stücke waren mal sieben Stunden lang, es spritzte Blut oder es krächzten die Darsteller. Er habe die Gruppe anfangs für einen „Haufen Schwerstgestörter“ gehalten, sagt Schauspieler Alexander Scheer, der später selbst an dem Theater landete, über einen seiner ersten Besuche dort.

Es habe immer am meisten Spaß gemacht, wenn Kritiker gesagt hätten, sie machten Dreck, sagt die langjährige Volksbühnen-Schauspielerin Sophie Rois. Rois und Scheer erzählen diese Sätze im Film „Partisan“, der gerade auf der Berlinale lief. Die Dokumentation blickt auf die „alte Volksbühne“ zurück, auf die Castorf-Ära von 1992 bis 2017.

Ein Abend zum Schämen?

Sie finde es frevelhaft, dass an der Volksbühne die 100-jährige Tradition des Sprechtheaters zu Ende gehe, erzählt darin Souffleuse Christiane Schober. Auch Schauspieler Henry Hübchen („Alles auf Zucker!“) gehörte zum alten Castorf-Kern. Nach einer solch wichtigen Zeit und so vielen Jahren könne jeder nur verlieren, der die Volksbühne übernehme, sagt er am Rande der Filmpremiere, „und ein Museumsdirektor sowieso“.

Heute sei die Volksbühne „kein Theater mehr“, findet Hübchen. Andere rufen dagegen nach Erneuerung. „Die Leute an der Volksbühne waren die Avantgarde – aber die Avantgarde ist zum Mainstream geworden“, sagte der damalige Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner 2015, der die Neubesetzung mit dem Belgier Dercon vorantrieb. Nun sei es Zeit, wieder zu experimentieren. Regisseur Serra versucht es am Donnerstagabend mit einem Castorf-Kontrast-Programm.

Thema von „Liberté“ ist die zügellose Lust, bei der die Grenzen zwischen Freiwilligkeit und Gewalt verschwimmen. Da will einer zum Beispiel im großen Stil Frauen aus Polynesien importieren, der andere (in diesem Fall Berger) erzählt syphiliskrank von seinen Fantasien und Verbrechen, die er für die Lust begeht. Manche Zuschauer halten das Ganze für hölzern, der Sender Deutschlandfunk Kultur findet den Abend „zum Schämen“. Eine Kritikerin des RBB spricht von „verquaster Kunstanstrengung“. Neben dem Applaus gibt es am Ende einige Buhrufe. Und die sind dann auch gut zu hören. (Julia Kilian, dpa)

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