Sonntag, 9. September 2018 11:21 Uhr

Was steckt hinter der TV-Folter mit vierstündigen Quizshows?

Endlich sagt’s mal einer, denn es wird schlimmer und schlimmer! Wie zum Beispiel gestern Abend. Der ehemalige Gottschalk-Produzent Holm Dressler kritisiert die heutigen Programmmacher für ihre mangelnde Risikobereitschaft und nimmt die sich seuchenartig ausbreitende Unsitte von mehrstündigen Quiz- und Gamingshows auseinander.

Was steckt hinter der TV-Folter mit vierstündigen Quizshows?

Oliver Pocher am Samstag in „Nachsitzen! Promis zurück auf die Schulbank“. Foto: MG RTL D / Stefan Gregorowius

In einem Interview mit dem Podcast „Fragen wir doch!“ für 105’5 Spreeradio sagt Dressler: „Aus Furcht vor schlechten Quoten senden öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender nur noch Quiz- und Castingshows.“ Kein Programmchef wolle ein Risiko eingehen. Deshalb werde fast jede Show aufgezeichnet. Dressler: „Günther Jauch und Thomas Gottschalk lieben Live-Shows, präsentieren aber in der Regel perfekt geschnittene Konserven.“

Holm Dressler, der auch einen hochinteressanten Youtube-Kanal mit vielen Raritäten-Clips betreibt, ist seit mehr als 40 Jahren im Fernsehgeschäft. Er hat mit Joachim Fuchsberger für die ARD-Show „Auf Los geht’s los!“ zusammengearbeitet und mit Frank Elstner „Wetten, dass..?“ aus der Taufe gehoben. Mit Thomas Gottschalk machte Holm Dressler die ZDF-Sendung zur erfolgreichsten Fernsehshow Europas.

Was steckt hinter der TV-Folter mit vierstündigen Quizshows?

Produzentenlegende Holm Dressler. Foto: Franco Gulotta/WENN.com

Es geht nur um Marktanteile vor Mitternacht

Dressler hält es für eine Unsitte, TV-Shows heute bereits im Ablauf mit fast vier Stunden Länge zu planen: „Die Sender konkurrieren nur noch um die Sendelänge und nicht mehr um Inhalte. Wegen des steigenden Marktanteils vor Mitternacht ist das reine Taktik – auf Kosten der Zuschauer.“ Darunter müssten auch die Gäste bei den Aufzeichnungen leiden: „Die kriegen doch die Krise, wenn sie sechs bis sieben Stunden im Studio ausharren müssen.“ Sogar Thomas Gottschalk glaube er „anzusehen, dass er nach 23 Uhr ermattet.“ Wer diese Tortur mal miterleben müsste, wird’s bestätigen! Der Zuschauer verkommt nur noch zur Deko für schöne Bilder.

Was steckt hinter der TV-Folter mit vierstündigen Quizshows?

Publikum bei „Ich weiß alles“ wird mit einbezogen und dadurch munter gehalten. Foto: NDR/ARD/Max Kohr

Dressler: „Man stelle sich mal vor, wir hätten früher bei ‚Wetten, dass..?‘ zehn Wetten hintereinander ohne Show-Teil produziert. Und wenn dann immer noch nicht vier Stunden voll waren, hätten wir nochmal drei Wetten oben drauf gepackt…“

Die mangelnde Dramaturgie im heutigen Fernsehen führe dazu, „dass Zuschauer nach anderthalb Stunden getrost abschalten können, weil sie alles gesehen haben.“ Anmerkung: Mehr oder weniger trickreich geht es dabei aber auch darum die Fernsehzuschauer bis zum Schluss der stundemlangen shows  an der Stange zu halten. Deswegen geht es auch immer darum am Ende einen Sieger zu küren.

Dressler glaubt an große Samstagabendshow

In dem Podcast nimmt Holm Dressler auch zu einem möglichen Comeback von Thomas Gottschalk mit „Wetten, dass..?“ Stellung: „Thomas hat dem ZDF immer signalisiert, dass er sich eine große Show im Jahr von Mallorca vorstellen kann, doch leider wollte der Sender bislang nie über diese Brücke gehen.“ Daher begrüße er das geplante Special zu Gottschalks 70. Geburtstag.

Dressler glaubt allerdings an ein Comeback der großen Familienshow: „Das Lagerfeuer kann wieder entfacht werden.“ In den 90ern und Anfang der 2000er habe jedes Familienmitglied autistisch sein eigenes TV-Programm geschaut. Dressler: „Doch heute machen junge Familien wieder viel mehr gemeinsam. Das gilt für den Urlaub wie fürs Fernsehen.“

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