Weiter im Lockdown: So sinkt der Stresslevel

Die Corona-Pandemie verursacht bei vielen Menschen Angst und Stress. (hub/spot)

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10.02.2021 20:00 Uhr

Die Corona-Pandemie bringt Angst und Stress mit sich. Wie man dem richtig begegnet, erklärt Psychologin Ulrike Scheuermann im Interview.

Der Corona-Lockdown geht weiter. Das bedeutet für viele Stress. Und auch die Angst vor einer Ansteckung belastet die Menschen. Auf diese Angst reagiere man „am besten, indem man sich bewusst auf etwas Positives konzentriert“, rät Psychologin Ulrike Scheuermann im Gespräch mit spot on news: „Es gibt immer etwas, wodurch man eine Situation beeinflussen kann. Darauf sollte man den Fokus legen, denn dann tritt die Angst in den Hintergrund. Das gilt auch im Moment: Wir können ja einiges tun, um uns selbst zu schützen und/oder andere nicht anzustecken.“

Die Autorin von „Immunbooster Selbstliebe“ erklärt in ihrem Buch unter anderem, wie man den Dauerstresslevel reduzieren kann. Ihren wichtigsten Tipp, um das Nervenkostüm zu stärken, verrät sie im Interview: „Wir sollten möglichst viel dafür tun, um genug Schlaf und eine hohe Schlafqualität mit REM-Schlaf, also Traumschlaf, zu erreichen. Das ist die tiefste Schlafphase und diese wirkt auf unsere Psyche wie eine Übernacht-Therapie. Ausreichend Schlaf, sieben bis neun Stunden, führt maßgeblich zu einem rundum robusten Nervenkostüm.“

Darauf könne man sich den ganzen Tag über schon gut vorbereiten, so Ulrike Scheuermann weiter: „Nehmen Sie sich mehrere entspannende und aktive Minipausen, zum Beispiel mal kurz vom Rechner weg aus dem Fenster gucken und einen kurzen Spaziergang machen. Sorgen Sie tagsüber für viel Tageslicht. Nehmen Sie sich eine Stunde vor dem ins Bett gehen eine Self-Care-Zeit. Am besten ab mittags kein Koffein mehr. Schlafen Sie bei Dunkelheit.“

„Selbstliebe stärkt das Immunsystem“

Wichtig ist der Expertin zufolge auch Selbstliebe: „Das Immunsystem des Menschen ist ein körpereigenes Abwehrsystem, das schädliche Einflüsse von außen und innen fernhält. Selbstliebe stärkt das Immunsystem, weil es den Dauerstresslevel senkt. Wer gut für sich sorgt, erhöht sein Selbstwertgefühl und damit auch seine Selbstfürsorge. Dann achten wir zum Beispiel besser auf unsere Zeit- und Kraftgrenzen oder merken leichter, dass wir müde sind und mehr Schlaf brauchen.“

Ausfluchten vor dem Corona-Alltag wie Urlaube sind für viele noch in weiter Ferne. Aber auch zu Hause lässt sich gegensteuern, wenn man an seine Grenzen kommt, sagt Scheuermann: „Vor Corona fuhr man in einen Wochenendurlaub oder ging ins Café. Zurzeit empfehle ich viel Draußensein, Spazierengehen und Bewegen unter freiem Himmel. Das geht bei jedem Wetter. Was auch immer hilft, ist, anderen eine Freude zu machen. Eine Freundin von mir bekocht zum Beispiel ihre Nachbarn, sie stellt die Suppe dann vor die Wohnungstür. Man kann auch nach wie vor etwas vom Einkaufen mitbringen, und wird immer Dankbarkeit ernten. Wer anderen Gutes tut, tut sich selbst auch etwas Gutes.“

Umarmungen und Händeschütteln kommen zurück

Und wie schwer wird es, nach der Isolation irgendwann die zwischenmenschliche Normalität von vor der Pandemie wiederherzustellen? „Menschen sind durch und durch soziale Wesen“, erklärt die Psychologin. „Wir haben von Beginn unseres Lebens an gelernt, Kontakt zu anderen herzustellen und uns in komplexen Beziehungsnetzen zu bewegen. Wir haben gewachsene Familien- und Freundschaftsbeziehungen, die auch während Corona nicht auf Eis liegen, sondern auf Distanz weitergerührt werden.“

Auch Umarmungen und Händeschütteln werden wieder zurückkommen, so Scheuermann: „Berührungen sind existenziell für unser Miteinander und Menschsein. Für neun von zehn der 11.000 Befragten einer Studie in neun Ländern sind menschliche Berührungen ein wesentlicher Bestandteil eines erfüllten und glücklichen Lebens. Auch ritualisierte und flüchtige, unvergängliche Berührungen wie Händeschütteln oder kurzes Handauflegen am Arm stellen nachgewiesen enorm viel Vertrauen, Sicherheit, Beruhigung und Verbundenheitsgefühl her. Deshalb wird das auch wieder stattfinden.“

Für zahlreiche Liebespaare ist das Leben in der Krise eine Prüfung. Ist diese Situation der ultimative Beziehungstest oder kann man den Stress im Lockdown abhaken und weitermachen wie zuvor? „Das würde ich nicht empfehlen“, sagt Scheuermann hierzu, „denn eine Krise birgt auch für Paare große Chancen. Sie können sich selbst und den anderen mit seinen Eigenheiten und Bedürfnissen, z.B. bei Nähe und Distanz, neu kennenlernen. Das heißt dann auch einen anderen Umgang miteinander zu finden, auszuhandeln und zu verabreden. Wie kann man sich jetzt Freiräume auf andere Weise als sonst schaffen und wie kann man sie erhalten? Dafür müssen wir uns im Moment mehr Zeit nehmen als sonst. Ich schlage eine tägliche, aufeinander konzentrierte Gemeinsam-Zeit vor. Schon fünf Minuten Austausch können eine Beziehung enorm stärken.“

(hub/spot)