„Wer wir waren“-Regisseur Marc Bauder hat eine große Hoffnung

Regisseur Marc Bauder hat einen Film gemacht, der den Zustand der Welt aus verschiedenen Perspektiven zeigt.  (ili/spot)
Regisseur Marc Bauder hat einen Film gemacht, der den Zustand der Welt aus verschiedenen Perspektiven zeigt. (ili/spot)

imago/Eventpress

08.07.2021 14:57 Uhr

Grimme-Preisträger Marc Bauder verrät im Interview, welche Hoffnung er mit seinem spannenden Zukunftsdokumentarfilm "Wer wir waren" über Astronaut Alexander Gerst und weitere Wissenschaftler verbindet.

Der vielfach ausgezeichnete Regisseur Marc Bauder (46) – unter anderem Grimme-Preisträger für den Spielfilm „Dead Man Working“ (2016) – geht mit seiner Doku „Wer wir waren“ (Kinostart: 8. Juli) philosophisch, politisch und gesellschaftlich relevanten Zukunftsfragen nach.

Antworten sucht er in Gesprächen mit bedeutenden Denkerinnen und Denkern unserer Zeit: Alexander Gerst (45, Astronaut), Dennis Snower (70, Ökonom), Matthieu Ricard (75, Molekularbiologe und Mönch), Sylvia Earle (85, Ozeanologin), Felwine Sarr (48, Ökonom, Soziologe und Philosoph) und Janina Loh (geb. 1984, Philosophin und kritische Posthumanistin). Inspiriert wurde der Film von dem gleichnamigen Zukunftsessay des Publizisten und Moderators Roger Willemsen (1955-2016).

Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erzählt Marc Bauder von den Dreharbeiten, erklärt Beispiele für den großen Einfluss des kleinen Individuums und verrät die Hoffnung, die er mit dem Film, den er seinem Sohn gewidmet hat, verbindet.

Warum haben Sie diesen Dokumentarfilm gemacht?

Marc Bauder: Ich wollte einen Film machen, der uns den Zustand der Welt aus verschiedenen Perspektiven zeigt. Und ausgehend davon auch einen Blick in die Zukunft wagt. Der Film soll die Gedanken und Themen miteinander verbinden, das Universelle dahinter zeigen und aktivieren. Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der es uns nicht an Informationen mangelt, sondern vielmehr an der Zeit, diese Informationen miteinander zu verknüpfen.

Der Film sieht nach sehr viel Arbeit aus. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Bauder: Der Faktor Zeit ist natürlich ein wichtiger Bestandteil, den man einkalkulieren muss, wenn man mal in die Tiefe bohrt. Das geht nicht so schnell. Die Produktionsphase vom Zeitpunkt des ersten Drehs bis zur Fertigstellung des Films dauerte etwa eineinhalb Jahre. Die Abfolge der Reisen ergab sich aus den engen Terminkalendern der Protagonistinnen und Protagonisten – alle sind höchst gefragte Koryphäen auf ihrem Gebiet, die eigentlich kaum Zeit haben. Und nach jeder einzelnen Reise haben wir uns angeschaut, was uns geschenkt worden ist, welche neuen Fragen sich aus dem Material ergeben und wie wir diese bei der nächsten Reise wieder einflechten können. Es war eine flexible Struktur und wir mussten uns immer wieder neu hinterfragen und nachjustieren. Genau das soll der Film auch auslösen. Er ist eine Suchbewegung.

Sie sagen, der Film hat sich nach und nach aufgebaut. Bei wem haben Sie generell nach Antworten gesucht? Und mit welchem Wissenschaftler haben Sie angefangen?

Bauder: Wir haben bei Menschen gesucht, die sich schon mit den Zuständen der Welt auseinandersetzen und eben ihrerseits nach Antworten suchen. Klar war von Anfang an, dass die Reise von Alexander Gerst zur ISS der rote Faden des Films sein wird. Die Klammer sozusagen. Den ersten Dreh hatten wir mit dem deutsch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Präsidenten der Global Solutions Initiative, Dennis Snower.

Er ist eine interessante Figur, weil er den Perspektivwechsel innerhalb seiner eigenen Zunft vorgenommen hat. Er war eigentlich ein Verfechter der klassisch neoliberalen Strukturen und Wissenschaften. Im Zuge der Finanz- und Immobilienkrise hat er dann realisiert, dass er seinen Blick verändern und andere Perspektiven außerhalb seiner herkömmlichen Gedankenwelt zulassen muss. So begann er sich mit den Neurowissenschaften, der Soziologie und Psychologie zu beschäftigen. Und auch wenn ihn viele als Nestbeschmutzer betrachten, wurde er von seiner Zunft nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Er ist Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den G20-Staaten (Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer).

Wie haben Sie die weiteren Wissenschaftler ausgewählt?

Bauder: Wir haben versucht, die wichtigen Aspekte, die aus meiner Sicht auf der Welt gerade eine Rolle spielen, mit verschiedenen Personen auf verschiedenen Kontinenten zu beleuchten. Eine der größten Schwierigkeiten war, einen weiblichen und nicht-weißen Blick in den Film zu bekommen, weil viele Wissenschaftler männlich und weiß sind. Wichtig ist diese Perspektive, weil ich ja zum Beispiel nicht über den Reichtum Europas und die Zukunftsfragen nachdenken kann, ohne zu wissen, dass dieser Reichtum durch die Ausbeutung anderer Länder, Kontinente und Ressourcen entstand.

An einer Stelle des Films heißt es: „Wenn sich alle acht Milliarden Menschen in die richtige Richtung bewegen würden, dann…“ Haben Sie ein Beispiel für den Einfluss des Einzelnen?

Bauder: Ein klassisches Beispiel in Deutschland ist der Bioladen. Vor 15 Jahren hat man sie noch ignoriert oder sich über die „Körnerfresser“, die irgendwo an der Ecke kleine Läden aufgemacht haben, lustig gemacht. 15 Jahre später haben die größten und profitorientierten Handelskonzerne eigene Biomarken im Sortiment. Da sieht man, dass es nicht mal acht Milliarden dazu braucht, um etwas zu bewegen, sondern nur die sogenannte „kritische Masse“. Die liegt bei etwa zehn Prozent. Das heißt, wir müssen nicht alle kriegen, sondern nur diejenigen, die dann einen gruppendynamischen Prozess auslösen und einen Nachmacheffekt auslösen.

Ein anderes Beispiel ist der Zusammenbruch des Ostblocks. Menschen haben es damals geschafft, durch die Verweigerung und Demonstrationen auf der Straße die Mauer zu Fall zu bringen. Es ist die Frage, wie lange es dauert und wie groß der Druck der Gesellschaft ist, damit sie aufsteht, aber es gibt in der Geschichte viele Beispiele, dass es möglich ist, die Dinge zu verändern. Wie schnell die Politik auf Wissenschaft hören und Regeln verändern kann, haben wir gerade in der Pandemie erlebt. Das ist eine wichtige Erkenntnis und sie macht Mut, auch die viel größere Krise, die Klimakrise, anzugehen.

Die Erkenntnisse, die Sie in Ihrem Film zusammengefasst haben oder Roger Willemsen in seinem Essay, kann man nicht nicht unterschreiben, wenn man sich ehrlich damit beschäftigt. Häufig beschäftigen Menschen sich aber erst damit, wenn eine schwere Krankheit diagnostiziert wurde oder sogar der Tod bevorsteht. Oder bei einer Grenzerfahrung wie dem Aufenthalt im All. Wie kann man Jung und Alt, die mitten im Leben stehen, dafür begeistern?

Bauder: Das stimmt. Alexander Gerst hat es so gesagt: „Ich habe es gewusst, aber es war mir nicht bewusst.“ Hier könnte also der Schlüssel liegen. Der Film blickt auf unsere Welt, in dem Wissen, dass wir alle einmal nicht mehr da sein werden. Und wenn ich mir bewusstmache, dass auch ich irgendwann sterbe, dann ist es erstmal eine traurige Erkenntnis. Andererseits: Wenn ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist, möchte ich doch etwas Sinnvolles damit machen und dann bin ich wieder hier in der Gegenwart.

Man muss sich einfach klarmachen, dass man Teil des Systems ist und dass man sich nicht aus der Verantwortung stehlen kann. Wir Menschen können nicht überall auf der Welt das Gleiche tun, es hängt vom Land und Kontext ab, aber jeder kann etwas machen. Bei uns hier sind Konsumverhalten und Mobilitätsgewohnheiten der einfachste Hebel. Wenn die Kinder und Jugendlichen bei „Fridays for Future“ für das Klima streiken, können die Menschen, die im Berufsleben stehen und entsprechend über Geld verfügen, auf diese Weise etwas bewirken.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit diesem Film?

Bauder: Ich hoffe, dass all die großen Probleme, die dieser Film aufzeigt, irgendwann Vergangenheit sein werden. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Menschen realisieren, dass, wenn sie sich einbringen und für Veränderungen einsetzen, dass es dann auch möglich ist. Wir sind Teil des Problems, wir sind aber auch Teil der Lösung. Nur eines kann man heute nicht mehr sagen: „Das habe ich nicht gewusst.“ Und wenn sich Menschen beschweren, dass sie ja nichts tun können, sage ich: „Doch, fang einfach an!“