Wie die Corona-Pandemie geläufige Benimmregeln beeinflusst

Wird sich der Corona-Gruß auch nach Ende der Pandemie durchsetzen? (sob/spot)
Wird sich der Corona-Gruß auch nach Ende der Pandemie durchsetzen? (sob/spot)

Just Life/Shutterstock.com

13.04.2021 13:26 Uhr

Kaum jemand würde einen Geschäftspartner seit Beginn der Corona-Pandemie mit einem festen Händedruck begrüßen. Welche Auswirkungen hat das auf den künftigen Umgang miteinander? Zwei Expertinnen klären auf.

U-Bahn fahren ohne Maske oder einem Geschäftspartner zur Begrüßung die Hand schütteln. Eigentlich alltägliche Dinge gehören seit Beginn der Corona-Pandemie der Vergangenheit an. Was macht das mit uns?

Die Autorinnen von „Im Dschungel des menschlichen Miteinanders – ein Knigge für das 21. Jahrhundert“ (Goldmann), Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen, haben den Knigge angesichts der veränderten Benimmregeln unter die Lupe genommen.

Im Interview mit der Nachrichtenagentur geben sie eine Einschätzung, wie wir uns heutzutage verhalten sollten – und was absolute No-Gos sind.

In Ihrem Buch erklären Sie, dass spießige und veraltete Knigge-Regeln nicht mehr zeitgemäß sind. Können Sie ein Beispiel nennen, welches Benehmen heutzutage nicht mehr von Nöten ist und wie es sich geändert hat?

Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen: In den Achtzigern haben unsere Mütter penibel darauf geachtet, dass der Ellbogen nicht auf, die Hand aber auch nicht unterm Tisch war und wir belegte Brote mit Messer und Gabel essen konnten, falls wir uns mal „in Gesellschaft“ befinden sollten. Heute gibt es auf jeder Party Fingerfood und niemand fragt sich, was der Ellbogen auf dem Tisch macht, wenn man nach dem Essen noch beisammen sitzt.

Was sich allerdings nicht geändert hat: Mit offenem Mund zu kauen und zu schmatzen, ist immer noch abstoßend. Rücksicht zu nehmen auf die Bedürfnisse und Gefühle anderer ist eben zeitlos, wie man sein belegtes Brot isst. Duzen und Siezen ist auch ein Beispiel: Früher war die Standardanrede auch unter Studenten das „Sie“, mittlerweile schreiben die meisten Firmen ihre Kunden mit einem freundlichen Hallo und der „Du“-Anrede an.

Während Frauen früher als zerbrechliche Wesen galten, denen man galant in den Mantel und durch Türen helfen und die man im Falle eines Treppensturzes mit dem eigenen Körper auffangen sollte, begegnet man sich heute eher unter Ausblendung der Geschlechteridentität auf Augenhöhe.

Inwiefern hat sich der Knigge durch die Corona-Pandemie verändert? Worauf sollte man in diesen Zeiten besonders achten?

Kuhrt und Paulsen: Die Corona-Pandemie betrifft uns alle gemeinsam. Bisher waren Lebenskrisen individuell oder auf einzelne Gruppen beschränkt, in dieser hier stecken wir alle gemeinsam. Und es zeigen sich die besten und die schlechtesten Seiten: Solidarität und Improvisation, Durchhalten und Mithelfen versus Hamstern, Lobbygeklüngel, Impfneid und Verschwörungstheorien. Wir gehen alle unterschiedlich mit dem Druck um, und sind auch unterschiedlich betroffen. Die einen sind einsam, weil die beiläufige Interaktion mit Kollegen und Freunden fehlt, die anderen drehen beim Homeschooling durch. Was klar geworden ist: Solidarität und Demut sind Stärken, die wir alle schon lange nicht mehr trainiert haben, die jetzt aber wieder gefragt sind. Außerdem entwickeln sich neue Formen des Arbeitens und des sozialen Miteinanders: Unser Alltag wird auch nach Corona ein anderer sein.

Außerdem glauben wir, dass die Akzeptanz für Verletzlichkeit größer geworden ist – wir haben alle gesehen, wie schnell uns Strukturen und Stabilität unter Corona wegbröckeln, vielleicht merken wir uns das für die Zukunft und entwickeln mehr Akzeptanz für die Nöte oder psychischen Leiden anderer Menschen.

Händeschütteln oder gar Umarmungen sind derzeit ein absolutes No-Go – vor allem unter Bekannten oder Arbeitskollegen. Könnte das in Zukunft so bleiben?

Kuhrt und Paulsen: Für Introvertierte und Keimphobiker war die Händeschüttelei und Umarmerei schon vor Corona ein Horror. Wir Deutschen haben ja den Fetisch des festen, trockenen Händedrucks, in anderen Ländern ist diese Begrüßung gar nicht üblich. So wie wir insgesamt offener werden, was alles zulässig ist, werden wir es hoffentlich auch für die Selbstbestimmung über den Körperkontakt. Wer nicht umarmt, geschüttelt und gebusselt werden möchte, sollte sagen können „Ich sage einfach nur Hallo“, ohne als sozialinkompetenter Schrat zu gelten.

Was sich sicher ändern wird: Das Bewusstsein dafür, wie Ansteckungen funktionieren und wie man sie vermeidet. Vielleicht gehen zukünftig weniger Menschen erkältet ins Büro und auf Partys, vielleicht tragen wir bei einem Schnupfen zukünftig die restlichen Masken auf, wie es in Asien schon üblich ist.

Im Homeoffice greifen viele zur Jogginghose. Der ein oder andere trägt sie auch im Supermarkt – ist das okay?

Kuhrt und Paulsen: Brötchenholen in der Jogginghose war eigentlich auch schon vor Corona kein Fauxpas mehr. Doch nun hat das Homeoffice für weitere Verwahrlosungseffekte gesorgt: Schminken und aufwendige Frisuren werden wegrationalisiert, Brillen erleben zu Ungunsten von Kontaktlinsen ein Comeback, unter den Tischen stecken Pyjamahosen und Wohlfühlsocken.

Aber wir sehen das nicht so pessimistisch, denn eigentlich könnte das auch ein Fortschritt sein: Wenn Frauen glauben, sich schminken zu müssen, hat das auch etwas mit gesellschaftlichem Druck zu tun. Wir wollen niemandem die Freude am Make-up oder irgendeiner anderen Form von Selbstoptimierung nehmen, aber vielleicht muss man bei der Arbeit keine Premiumversion von sich selbst sein, zumindest nicht optisch. Natürlich sind diese Anforderungen immer branchenspezifisch: In der Bank oder in anderen konservativen Milieus werden die Menschen auch weiterhin Anzüge und Kostüme tragen.

Auch Shopping ist in Zeiten der Corona-Pandemie eher unnötig, da man seine Kleidung kaum zur Schau stellen kann. Ist ein toller Kleidungsstil in Zukunft unwichtiger?

Kuhrt und Paulsen: Momentan gibt es weder Partys noch große Hochzeiten, für die man ein tolles Outfit plant. Zudem haben viele Menschen wirtschaftliche Ängste, da kaufen alle weniger ein, und wenn, dann online. Diese Shopping-Fastenkur tut uns allen ganz gut, denn ständig den Look zu wechseln war schon vor Corona ethisch fragwürdig: Die Mitarbeiter der Sweatshops in Bangladesh und die Umwelt zahlen den Preis für unsere vermeintliche Selbstbelohnung. Vielleicht wirkt das auch nach der Krise ein wenig nach, aber wie bei einer Diät stellt sich die Frage, wie man hinterher weitermacht.

Denn wenn alle wieder ausgehen und feiern können, dann werden wir uns natürlich auch schön machen wollen; vielleicht wollen wir alles nachholen, was wir verpasst haben und verfallen in einen Shoppingrausch, vielleicht reichen auch die vergessenen Partydresses, die noch im Schrank hängen. Ohnehin werden Second Hand und nachhaltige Fair Fashion wichtiger werden. Nicht zuletzt deshalb wird Kleidung nur noch begrenzt als Klassenmarker funktionieren: Schon heute kann man schlecht anhand des Outfits erkennen, wer zu welchem Milieu gehört. Turnschuhe für 500 Euro sind kein Indiz für einen hohen sozioökonomischen Status, vielleicht sogar das Gegenteil.