03.09.2020 22:40 Uhr

„Wischen Impossible“: Wenn aus dem Putzlappen Kunst wird

Normalerweise erfährt ein Putzlappen wenig Beachtung. Doch nun zeigen knapp 200 Künstler aus 40 Ländern ihre Annäherung an das Wischtuch - in einer Fabrik im sächsischen Kirschau. Hier wurden einst Europas erste Putzlappen aus Baumwollabfällen hergestellt.

Foto: Miriam Schönbach/dpa-Zentralbild/dpa

Normalerweise erfährt ein Putzlappen wenig Beachtung. Doch nun zeigen knapp 200 Künstler aus 40 Ländern ihre Annäherung an das Wischtuch – in einer Fabrik im sächsischen Kirschau. Hier wurden einst Europas erste Putzlappen aus Baumwollabfällen hergestellt.

Den groben Stoff halten zwei Nadeln in der Wand. In großen Buchstaben hat Petra Annemarie Schleifenheimer „Wischen Impossible“ auf den Putzlappen gedruckt.

Dem Putzlappen wird gehuldigt

Die Fürtherin ist eine von knapp 200 Künstlerinnen und Künstlern aus 40 Ländern, die ihre Arbeiten ab Sonntag (6. September) in einer besonderen Ausstellung in der Galerie „Art Factory Flox“ im sächsischen Kirschau zeigen. Wo jetzt ihre Variationen über den Feudel, Hader und Mopp hängen, liefen Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals maschinell gefertigte Putzlappen aus Baumwollresten vom Band.

Der Kurator und Ideengeber der Ausstellung der Kunstinitiative „Im Friese“ ist der Projektkünstler Holger Wendland. Im vergangenen Jahr überlegte er sich, wie man die Geschichte der Fabrik als einstiger Weltmarktführer bei der Herstellung von Putzlappen und Decken mit der heutigen Nutzung als Galerie verbinden kann. So entschieden sich die Mitglieder des Kunstvereins, ein „Mail-Art-Projekt“ ins Leben zu rufen.

So wurde das industrielle Scheuertuch geboren

„Die Ursprünge der Mail Art liegen in der von Ray Johnson 1966 begründeten New York Correspondance School“, sagt Wendland. Dabei geht es um Kunst per Post. Selbst in der DDR fand sich eine Szene der Kunst zum Verschicken, zu denen unter anderem Birger Jesch zählte. Eine seiner Arbeiten hängt auch in der alten Friese-Fabrik.

Der Aufruf aus Kirschau zum Thema Putzlappen verbreitete sich über die sozialen Medien weltweit. Fortan kamen Briefe und Päckchen in das einstige Weberdorf. Die Textilindustrie brachte dem Ort Mitte der 19. Jahrhunderts den wirtschaftlichen Aufschwung sowie den Beinamen „Dorf der goldenen Dächer“. Damals erfand Gotthelf August Friese das industriell gefertigte Scheuertuch.

Putzlappen made in Germany

Die Produkte wurden bis nach Indien und Afrika exportiert. In den 1920er Jahren entwickelte sich die Gebrüder Friese AG zum weltgrößten Decken- und Putzlappen-Produzenten. Bis heute fertigt die Kirschauer Textil-GmbH, hervorgegangen aus dem VEB Vereinigte Grobgarnwerke (Vegro) – nur ein paar Schritte von der Galerie entfernt – Lappen.

Die alten zentralen Fabrikanlagen sind aber auch Heimstatt des rührigen und größten regionalen Kulturvereins „Im Friese“. Die Kunstinitiative ist angetreten, um künstlerischen Nachwuchs zu fördern und sich mit Künstlern vom Oberlausitzer Bergland aus in die Welt zu vernetzen. Kirschau soll nach dem Willen der Mitglieder zum Zentrum für zeitgenössische Kunst in Ostsachsen werden. Hinter dem Oberlausitzer Kunstverein stehen 30 Mitglieder, hauptsächlich sind es Künstler, Kunstförderer und Kunstliebhaber.

200 Kunstwerke aus der ganzen Welt

In der Ausstellung „Putzlappen“ treffen Künstler aus der Region, Deutschland und der halben Welt zusammen. „Wir haben Arbeiten aus Ghana, Indien, Venezuela, Australien, Kanada, den USA, vielen europäischen Ländern. Ich hatte mit 100 Zusendungen gerechnet. Jetzt sind es über 200 Kunstwerke – bemalt, bestickt, beschrieben, mit der Nähmaschine bearbeitet, bedruckt, durchlöchert, collagiert. Selbst Installationen und Objekte entstanden“, sagt Wendland.

Auch Arbeiten von Laien und einer Schulklasse sind dabei. Und ganz nach den Regeln der Mail Art werden die Kunstwerke zwar weder honoriert noch zurückgeschickt, allerdings gibt es einen 100-seitigen Katalog, der alle Putzlappen-Kunstwerke versammelt. (Miriam Schönbach, dpa)

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