17.08.2020 16:00 Uhr

Zurück im Schulalltag: Was kommt auf Eltern und Kind zu?

Bei vielen Kindern kehrt nun der Schulalltag wieder ein. Was damit auf Familien und Lehrer zukommt, erklärt die Expertin Manon Sander.

New Africa / Shutterstock.com

Die Ausbreitung des Coronavirus hat viele Wochen lang für geschlossene Türen an den deutschen Schulen gesorgt. Homeschooling war sowohl für Kind als auch Eltern eine enorme Umstellung. Diese Zeiten sind für die Schüler nun vorerst vorbei: Trotz Pandemie gibt es nach den Sommerferien wieder Präsenzunterricht. Manon Sander, Grundschullehrerin und Autorin von „Quereinsteiger*in – neu im Lehrerjob“, erklärt im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news, welche Probleme jetzt auf Familien und Lehrer zukommen.

Welche Schwierigkeiten können bei der Rückkehr in den Schulalltag auftreten?

Manon Sander: Die Schulschließungen vor einigen Monaten haben wie eine Bremsung gewirkt und die Kinder aus ihrem normalen Alltag herausgeholt. Schule wurde in den meisten Fällen nur noch als Nebensache behandelt und viele Kinder mussten plötzlich weniger für die Schule tun, als sie in der normalen Schulzeit zu Hause gelernt, nachgearbeitet und vorbereitet haben. Nach dieser längeren Pause gibt es mehrere Sichtweisen der Kinder. Die einen freuen sich wirklich wieder darauf, in die Schule zu gehen. Schule ist ein Teil ihres sozialen Lebens und das fehlte ihnen. Doch dann gibt es jene Kinder, die froh waren, dass solange keine oder nur ganz wenig Schule stattgefunden hat, sie haben vielleicht keine Lust auf den Unterricht oder auch kein Interesse, die Klassenkameraden wieder zu treffen.

Schwierigkeiten könnte vielen Kindern das frühe Aufstehen bereiten, denn die meisten von ihnen haben bestimmt länger geschlafen als zu Schulzeiten und sind auch abends länger wach geblieben. Vielleicht sind auch die ein oder anderen Schulsachen in dieser langen Zeit irgendwo im Kinderzimmer verschwunden und unbrauchbar geworden. Es gibt sicherlich auch einige Kinder, die sich nach dieser längeren Pause nur schwer organisieren können und auch schwertun, diese Aufgaben in einer angemessenen Zeit zu erledigen.

Wie können Eltern und Kinder diese Probleme angehen?

Sander: Es ist wichtig, sich im Leben auf andere und ungewohnte Situationen einzustellen. Eltern sollten daher ihre Kinder dazu ermuntern, sich umzustellen und ihnen dabei helfen. Mit jüngeren Kindern kann der Schulweg abgegangen werden. Neben den „normalen“ Gefahren auf dem Schulweg kommt nun erschwerend hinzu, dass immer noch die Gefahr der Ansteckung besteht. Diese kann nicht nur im Klassenzimmer passieren, sondern auch auf dem Schulweg. Daher ist es sinnvoll, sich zu überlegen, wie Kinder (auch größere) zur Schule kommen. Gerade in größeren Städten müssen viele Kinder mit dem öffentlichen Personennahverkehr zur Schule fahren. Eltern sollten hier über Alternativen nachdenken, zum Beispiel mit Nachbarn Fahrgemeinschaften gründen. Eltern sollten sich auch mit älteren Kindern über die Nutzung von Bus und Bahn unterhalten. Auch hier sind Masken notwendig und Händewaschen ist absolut wichtig.

Der eventuell verschobene Tagesrhythmus sollte langsam angepasst werden: abends immer ein wenig eher ins Bett gehen, um morgens früher aufzustehen. Das fällt am Anfang sicherlich schwer. Doch können Aktivitäten wie eine Radtour oder ein gemeinsames Frühstück eine gewisse Anregung geben.

Der Tag muss nach und nach wieder eine Struktur erhalten. Das kann damit beginnen, dass Eltern und Kinder gemeinsam die kommenden Tage planen. Was muss noch alles gemacht werden? Es ist wichtig, die Kleidung wieder zu ordnen oder eventuell zu ergänzen sowie Hilfsmittel wie Taschenrechner, Elektronik und Sportequipment zu organisieren. Das sind Dinge, die Kinder brauchen, die sie kennen. In den letzten Tagen vor der Schule kann dann die Schultasche gepackt werden – auch wenn das banal klingt, sind es gerade die banalen Dinge, die zur Normalität zurückführen.

Wer sich auf den Unterricht vorbereiten möchte, kann sich noch einmal anschauen, was zuletzt gemacht wurde. Das sollte aber nicht im Zwang geschehen. Wenn die Kinder noch jünger sind, dann können Teile des Unterrichtsstoffes in den Alltag miteingearbeitet werden. Statt das Einmaleins abzufragen, kann man Probleme aus dem wirklichen Leben lösen, Centstücke als Muster legen und dann das Ergebnis ausrechen. Das klappt auch mit Steinen auf der Terrasse. Erdkunde kann man mit Google Maps am Computer unterstützen, naturwissenschaftliche Phänomene lassen sich nachlesen und anschauen – und einen Film kann man auch auf Englisch mit deutschem Untertitel ansehen. Es hilft nicht nur jetzt den Stoff in den Alltag zu integrieren, sondern immer.

Wie wirkt sich eine so lange Pause auf die Bindung zwischen Lehrer und Schüler aus?

Sander: Für Grundschüler ist die Bindung zum Lehrer wichtig. Sie können sich zu Anfang noch ein wenig fremd sein. Pädagogen sollten jedoch damit umgehen können, wenn einzelne Schüler Probleme haben. Es kann vielleicht die ein oder andere Träne fließen. Auch das Verhalten kann anders sein als zuvor. Schüler müssen wieder Vertrauen fassen. Auch da ist es wichtig, dass die Erwachsenen auf die Kinder zugehen und ihnen den Wiedereinstieg erleichtern. Dazu gehören Erzählrunden, bekannte Lieder, das Buch, das im Frühjahr vorgelesen wurde und Rituale – die vielleicht nun abgewandelt werden müssen, weil manche Dinge noch nicht gehen, wie ein Handschlag zur Begrüßung. Den kann man beispielsweise durch einen Fußschlag ersetzen.

Das Thema Maskenpflicht in der Schule ist derzeit besonders präsent in den Medien. Welche Probleme können auftauchen, wenn Lehrer und Schüler einen Mund-Nasen-Schutz tragen?

Sander: Wenn Lehrer eine Maske tragen, muss man zwischen mehreren Szenarien unterscheiden: Bei älteren Schülern kann es dazu kommen, dass sie sich über Masken lustig machen. Das ist gleichzusetzen mit Kleidung, die den Kindern nicht gefällt. Lehrer, die empfindlich sind, sollten die Motive gut auswählen und lieber auf etwas Neutrales zurückgreifen. Es kann passieren, dass Personen durch die Masken nicht gut zu verstehen sind. Gerade in den Sprachen kann das zu Schwierigkeiten führen. Lehrer müssen kreativ werden, zum Beispiel Texte aufnehmen oder auch filmen und vor der Klasse abspielen.

In der Grundschule kann noch eine ganze andere Problematik aufkommen: Die Masken können die Schüler erschrecken und die Wiedererkennung erschweren. Das kann manchen Schülern Angst machen. Wichtig ist es daher, dass die Eltern ihren Kindern auch zeigen, dass man sich mit einer Maske verändert. Die Kinder können es selbst vor dem Spiegel testen. Ein bisschen hat das etwas von Verkleiden. Darüber hinaus sind auch Verständigungsprobleme von Seiten der Schüler nicht ausgeschlossen. Lehrer müssen hier sehr viel Geduld aufbringen.

Welche Veränderungen kommen im Unterricht auf die Schüler zu?

Sander: Der Unterricht wird nicht mehr so abwechslungsreich sein, wie die Kinder es gewohnt sind. Es wird wahrscheinlich weniger Partner- und Gruppenarbeit sowie Aktivitäten geben, bei denen Kinder etwas anfassen dürfen. Stattdessen wird der Unterricht frontaler. Die Aufmerksamkeitspanne der Kinder wird dabei strapaziert. Einerseits müssen die Lehrer sehr viel Verständnis zeigen, andererseits ist es auch wichtig, dass Eltern die Situation erklären. Diese Schwierigkeiten hat niemand allein, jeder muss damit klarkommen und darum ist es sehr wichtig, gemeinsam an den Problemen zu arbeiten. Eltern und Lehrer haben das gemeinsame Ziel, den Unterricht möglichst reibungslos ablaufen zu lassen. Darum sollten Probleme partnerschaftlich besprochen und gelöst werden.

(eee/spot)