28.09.2020 16:23 Uhr

So kontert die PS-Fraktion den SUV-Boom

Nachdem SUVs immer stärker den Sport im Namen betonen, wagen sich die Sportwagen nun auf die Buckelpiste. Noch sind das oft Gedankenspiele und Einzelstücke. Doch könnte daraus ein Trend werden.

Lamborghini/dpa-tmn

Sport Utility Vehicle – wenn David zu Elfe die aktuelle Zauberformel für den Autoabsatz hört und an aufgebockte Kombis, platte Vans oder vermeintliche Abenteuer-Autos denkt, kann er sich ein müdes Lächeln nicht verkneifen. Denn der Fotograf und Filmemacher von der Bergstraße definiert SUV ein wenig anders.

Statt vom Geländewagen geht zu Elfe von einem Sportwagen aus und hat sich deshalb einen über 40 Jahre alten Porsche 924 zum Utility Vehicle umgebaut. Und dabei geht es ihm nicht nur um solide Fahreigenschaften auf schlechten Strecken: Sein Sportnutzfahrzeug ist so nützlich, dass man darin sogar auch schlafen kann.

Mit dem 911 zur Wüstenrallye

Die Idee vom offroad-fähigen Sportwagen ist nicht neu. Vor allem in den 1980er Jahren schickten die PS-Schmieden ihre schnellsten Modelle mit mehr Bodenfreiheit und grobstolligen Reifen auf die Rallye-Piste, etwa den Wüsten-Marathon nach Dakar. Der Safari-Porsche, der 1984 als 953 auf Basis des 911 ins Rennen ging, war darunter sicherlich der bekannteste. Aber auch Mercedes SLC der Baureihe 107 oder Lancia Stratos haben sich damals bereitwillig im Dreck gesuhlt und mächtig Staub aufgewirbelt.

Nachdem diese Autos über viele Jahre nur Fans bekannt waren, drängen sie nun offenbar wieder etwas stärker ins Bewusstsein. In Zeiten, in denen Geländewagen immer sportlicher werden und hochbeinige Dickschiffe wie Aston Martin DBX oder Lamborghini Urus schneller fahren als mancher Flachmann, rüsten die Renner zur Retourkutsche – wenn bislang nur als Gedankenspiel, Studie oder Einzelstück.

Schnurstracks ins Gelände

Lamborghini etwa hat 2019 die Studie Sterrato auf Basis des Huracán vorgestellt und sie mit allerlei Rallye-Zutaten zum Geländegänger umfunktioniert.

Auch Alpine liebäugelt mit dem Abenteuer abseits der Straße: Die Renault-Tochter überraschte dieses Jahr mit der Studie A110 SportsX, die nach dem gleichen Muster gestrickt ist: Mit breiterer Karosse und mehr Bodenfreiheit wird das schnittige Coupé zum bulligen Boliden für den Dreck.

Im Kleinen blüht der Traum vom Safari-Renner

Am meisten Bewegung gibt es aber im Porsche-Lager, bei Kleinserienherstellern. Porsche-Tuner Ruf etwa hat den Rodeo auf die Räder gestellt: Dieser bekommt eine eigene Carbon-Karosserie und nutzt einen weiterentwickelten Allradantrieb. Dazu gibt es vier zusätzliche Scheinwerfer auf der Haube, einen Rammbügel und sogar eine Art Lasso.

Offroad-Umrüster Delta 4×4 hat ein 911-Konzept entworfen. Das bringt deutlich mehr Bodenfreiheit, spezielle Reifen beziehungsweise Felgen und rüstet den Sportler ebenfalls zum Abenteuer-Auto um. Zwar freuen sich beide Anbieter nach eigenen Angaben über eine unerwartet große Resonanz, doch werden die Entwürfe so schnell nicht in Serie gehen.

Strohfeuer oder neuer Trend?

Auch Designprofessor Lutz Fügener mag noch nicht von einem tragfähigen Trend sprechen. Doch sieht der Dozent an der Hochschule Pforzheim durchaus Gründe für das Aufkeimen dieser Idee. Die Marketingabteilungen seien ständig auf der Suche nach neuen Nischen, die man zur Not auch einfach erfinden und dann mit Produkten füllen würde. „Man schaut, ob man schon alles mit allem gekreuzt hat, und bemerkt, dass die Kombination Sportwagen und Geländewagen noch nicht abgearbeitet ist“, sagt Fügner.

Dabei spricht der Experte diesem Genre durchaus einen gewissen Charme zu: Die Hochgelegten erinnerten an die wilden und glorreichen Zeiten der Rallye-Gruppe-B-Monster in den 1980ern und seien damit durch die Motorsport-Historie abgesichert. Der 953 gäbe all diesen Projekten eine gewisse Plausibilität.

Nebeneffekt Alltagstauglichkeit

Weiteren Rückenwind bekomme das Konzept durch die wachsende Popularität der Cross-Varianten ziviler Kombis, Kompaktwagen und gar Limousinen. Solche Ableitungen hält Fügener oft für die besseren SUVs. Aufwand und Nutzen stünden in gutem Verhältnis, die Eleganz und Dynamik der Ur-Entwürfe bleibe meist erhalten und so sei das ästhetische Potenzial stets höher sei als bei jedem echten SUV.

Und tatsächlich mache ein höheres Fahrwerk einen Sportwagen alltagstauglicher. Lasse sich dies dann auch noch etwa mit einer Luftfederung in der Höhe variieren, müsse man nur noch das Mehrgewicht gegen die gewonnene Bodenfreiheit aufwiegen: „Das ist ein Kompromiss, der als solcher nicht auffällt, ganz im Gegenteil“, sagt Fügener: „Es gibt und gab Trends im Automobilbau, die weniger Sinn haben und hatten.“

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