24.11.2020 16:09 Uhr

„Ada“ oder das große Schweigen

Der Schauspieler Christian Berkel schreibt seine Familiengeschichte fort. Im zweiten Teil erzählt er vom Generationenkonflikt in der Nachkriegszeit.

Britta Pedersen/dpa-zentralbild/dpa

„Über die Kernpunkte der Geschichte hat bei uns in der Familie niemand gesprochen. Das war das große Schweigen.“ Da unterschied sich die Familie von Christian Berkel nicht von der Mehrheit der Deutschen.

In der geschäftigen Wirtschaftswunderzeit wurden Krieg und Drittes Reich möglichst unter den Teppich gekehrt. Das ging so lange gut, bis die junge Generation den Finger in die Wunde legte und ihre Eltern nicht mehr davonkommen ließ.

Genau dieses große Schweigen hat Berkel (63) zum Thema seines zweiten Romans „Ada“ gemacht, in dem er die Geschichte seiner Familie fortschreibt. Sein Debütroman „Der Apfelbaum“ war 2018 bei Kritik wie Publikum ein Überraschungserfolg, den wohl nur wenige dem beliebten Schauspieler („Der Kriminalist“) zugetraut hätten. Berkel erzählt darin die bewegende Liebesgeschichte seiner Eltern, einer jüdischen Mutter und eines Stabsarztes der Wehrmacht, die der Krieg auseinanderreißt und die am Ende auf wundersame Weise wieder zusammenfinden. Erst in ihren letzten Lebensjahren, als sie zunehmend dement wurde, hat Berkels Mutter Sala ihre einzigartige Biografie nach und nach in vielen Gesprächen ihrem Sohn enthüllt.

„Ada“ ist nun die Fortsetzung der Geschichte, erzählt aus Sicht einer – fiktiven – älteren Schwester. Kurz nach der Wende blickt Ada in einer Psychoanalyse auf ihr Leben zurück. Sie wird während des Krieges in Berlin geboren, verbringt dann aber die ersten Lebensjahre mit ihrer Mutter in Argentinien, während der Vater in den Kriegswirren zunächst verschwunden bleibt. Als sie Mitte der 50er Jahre mit der Mutter nach Deutschland zurückkommt, ist das Land für sie abweisend und fremd: „In Hamburg, unserer ersten Station, wurden Fragen höflich und kühl beantwortet, in Berlin, wohin wir weiterreisten, gar nicht. In der Straßenbahn oder im Bus wurde man angeschrien, oder schweigend auf ein Schild hingewiesen, das Gespräche mit dem Fahrer untersagte.“

Die Rolle der Außenstehenden verliert sie nie ganz. Ist Otto, Salas Jugendliebe, wirklich ihr leiblicher Vater, oder ist es nicht doch der geheimnisvolle Hannes, den ihre Mutter eines Tages in Paris besucht? Eine Antwort bekommt sie nicht. Bei Familientreffen merkt Ada schnell, dass die Erwachsenen, sobald es um die Vergangenheit geht, um den heißen Brei herumreden: „Mit den Erinnerungen ging es ihnen wie Betrunkenen mit ihren Hausschlüsseln, entweder sie passten nicht oder sie hatten sie verloren.“

Bald nimmt ein jüngerer Bruder, im Roman „Sputnik“ genannt, in dem man das Alter Ego Christian Berkels sehen kann, die Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch, während Ada aus den beengenden Konventionen ausbricht. Sie revoltiert gegen das Schweigen, das Verdrängen, das Verharmlosen. Insofern ist sie ein getreues Spiegelbild der 68er-Generation. Ada bewegt sich im Berliner Studentenmilieu, erlebt hautnah die Anti-Schah-Demonstrationen mit sowie anschließend die Pariser Studentenunruhen vom Mai 1968. Am Ende wird sie dann auch noch Augenzeugin von Woodstock.

Diese historischen Wegmarken sind schon reichlich plakativ gesetzt, als käme Adas Emanzipationsgeschichte nicht ohne sie aus. Dabei überzeugt ihre Suche nach Identität doch auch so, denn Berkel ist ein guter Erzähler. Vermutlich werden wir bald mehr von ihm lesen. Der gebürtige Berliner, der mit der bekannten Schauspielerin Andrea Sawatzki verheiratet ist, hat angekündigt, als Schauspieler kürzer zu treten und sich verstärkt dem Schreiben zu widmen. „Ada“ soll noch nicht das Ende der Familiengeschichte sein. Es wird noch einen dritten Teil geben.

– Christian Berkel: Ada, Ullstein Verlag, Berlin, 400 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-550-20046-5.

Copyright 2020, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten