06.10.2020 15:32 Uhr

Dorothee Elmiger über Adam Smith in der Zuckerfabrik

Was hat ein unglücklicher Lotto-Millionär mit lebenshungrigen jungen Frauen in Paris zu tun? Die Antwort gibt der Text einer jungen Schweizerin, der für den Deutschen Buchpreis nominiert ist.

Helmut Fricke/dpa

Wer kennt sie nicht, diese Abende, an denen man nur einen Namen oder Filmtitel googlen will und über mehrere Links, Fotogalerien und Artikel schließlich bei einer Dokumentation über seltene Tiere in Südamerika landet.

Oder auch diese launigen Weinabende mit Freunden, an denen man von der Qualität von Strumpfhosenmarken zum politischen Weltgeschehen und dann doch wieder zu unverzichtbaren Küchenutensilien stolpert und nie weiß, wie man von A nach B gekommen ist, aber plötzlich überraschende Querverbindungen im Kopf hat. So ungefähr fühlt sich das Lesen des Textes „Aus der Zuckerfabrik“ der Schweizerin Dorothee Elmiger an, mit dem sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht.

Wie eine Komponistin nimmt die Autorin, Jahrgang 1985, immer neue Motive in ihrem gut 250 Seiten dünnen Buch auf, vermischt sie, verkürzt und verlängert sie, wechselt das Thema, nimmt es wieder auf und verknüpft so scheinbar Unzusammenhängendes miteinander, zum Beispiel junge lebenshungrige Frauen in Paris mit dem Allzeit-Star-Ökonomen Adam Smith, weil sie zu beiden eine Zucker-Anekdote recherchiert hat.

Zwischen den gesammelten Zitaten und Begebenheiten von ganz früher bis jetzt finden sich Beobachtungen und Anekdoten aus dem Leben der Ich-Erzählerin, die mit Elmiger zumindest den Beruf der Schriftstellerin gemeinsam hat – oder frühere Lebensstationen, etwa als Studentin am Leipziger Literatur-Institut.

All diese Einzelteile setzt Elmiger in meist kurzen Absätzen hinter- und nebeneinander. So wie sehr viele verschiedene Blumen, die in einem großen, irgendwie wildwuchendern Beet stehen und deren Durcheinander mit etwas Abstand überraschend schöne Muster ergibt.

Ein Absatz klingt beispielsweise so: „Später F. unter der Dusche. Ich zappe durch die Kanäle. Nein, niemand hier außer uns selbst.“ Ein anderer: „Martin, der Lektor sagt, im Falle einer Veröffentlichung dieser Aufzeichnung müsse auf jeden Fall „Roman“ auf dem Umschlag stehen. In einem kleinen weißen Auto fahren wir durch München. Ich sage, es handle sich um einen Bericht über eine Recherche, weshalb „Recherchebericht“ mir ungleich passender erscheine.“

Der Hanser Verlag, der Elmigers „Aus der Zuckerfabrik“ tatsächlich veröffentlichte, wirbt auf dem eher unauffälligen, blassen Cover mit verwaschenem rosa Punkt und eingeprägtem Titel weder mit dem in der Branche als verkaufsfördernd gepriesenen Wort „Roman“ noch mit „Recherchebericht“ für das Buch. Hanser selbst beschreibt das Werk als „ein Journal voller Beobachtungen“. Die Buchpreis-Jury charakterisiert den Text mit „stark essayistischer Form, eher als Collage“.

Dieser sprunghafte Erzählstil erlaubt Elmiger einen Gedankenstrom zu erpuzzlen, in dem sie zum Beispiel einen sinnvollen Zusammenhang zwischen einem zeitgenössischer Handwerker und im mehrfachen Sinne unglücklichen Lotto-Millionär auf der einen Seite und Karl Marx‘ Thesen zum Wesen des Kapitalismus auf der anderen Seite herstellt.

Die titelgebende Zuckerfabrik taucht direkt und indirekt immer wieder auf. Sie taugt auch als Bild für den Text selbst, weil Elmigers akribische Recherche zur Geschichte des Zuckers, seiner Herstellung, seiner kulturellen Bedeutung und anekdotischen Verwendung tatsächlich viele Schlaglichter im Buch zusammenklebt: Von Adam Smith, dem Elmiger implizit eine Traumdeutung des Psychoanalytikers Siegmund Freud verpasst, die dieser eigentlich einer anderen Patientin zugedacht hatte; über Zucker als Inbegriff für Gier, Verlangen und Liebe, aber auch Ausbeutung und Sklaverei.

Es ist keine ganz neue Technik der Schweizerin. Auch in ihrem noch „Roman“ genannten Werk „Schlafgänger“ aus dem Jahr 2014 erzählte sie mit wechselnden Schlaglichtern, Anekdoten und Zeitebenen unter anderem von Reisenden und Migranten und dachte so über die Freiheiten der einen und die Begrenzungen der anderen nach. Doch im neuen Werk überlässt sie noch mehr Verknüpfungsarbeit dem Leser und schubst ihn damit mitunter in neue Horizonte des eigenen Gedankenkarussells. Elmiger lebt in Zürich und wurde unter anderem schon mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

– Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik, Hanser München, 272 Seiten, 23,00 Euro, ISBN 978-3-4462-67503.

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