Für Julia Willmann sind Geschichten Geschenke

Julia Willmann, derzeitige «Feuergriffel»-Stadtschreiberin in Manheim.
Julia Willmann, derzeitige «Feuergriffel»-Stadtschreiberin in Manheim.

Uwe Anspach/dpa

07.06.2021 16:44 Uhr

Das Mannheimer „Feuergriffel“-Stipendium ist bei Autoren von Kinder- und Jugendliteratur begehrt. Die diesjährige Preisträgerin will Bücher schreiben, die bei Kindern und Erwachsenen gut ankommen.

Julia Willmann ist dankbar – ihrem Agenten, ihrer Lektorin, ihrem Illustrator. Nicht Stolz empfindet die Autorin am Tag der Veröffentlichung ihres ersten Romans für Kinder „Rascha und die Tür zum Himmel“, sondern das Gefühl, ein Geschenk erhalten zu haben.

„Momente der Inspiration darf ich umsetzen in Geschichten“, schwärmt die 47-Jährige. Die demütige Schriftstellerin ist Preisträgerin des mit 9000 Euro dotierten Mannheimer „Feuergriffels“, des nach Angaben der Stadt bundesweit bisher einzigen Stadtschreiberstipendiums für Kinder- und Jugendliteratur. Es wird alle zwei Jahre von der Stadtbibliothek der Quadratestadt ausgeschrieben.

Nach dem Aufwachen im Halbschlaf oder unter der Dusche ereilt Willmann die Initialzündung, aus der heraus sie ihre Geschichten entwickelt. Darunter auch die Reise der kleinen Schwebfliege Lili: Sie verliert durch einen Unfall ihre „Ls“, begibt sich auf einen Flug bis zu den Alpen und macht dabei die Zerbrechlichkeit und Schönheit unseres Planeten erlebbar.

Mit dieser Idee ließ Willmann rund 50 Mitbewerber hinter sich. Eine Jury aus Verlags- und Buchwesen, Journalismus und junger Leserschaft ermöglichte ihr, die Geschichte unter komfortablen Bedingungen nach einem Jahr zu Ende zu schreiben. Noch bis Mitte Juli residiert die Berlinerin als „Burgfräulein“ im Turm der Alten Feuerwache. Auf ihrem Programm in Mannheim stehen auch Lesungen und Workshops – wegen Corona unter ungewöhnlichen Bedingungen. Eine Drehbuchwerkstatt für Kinder bot sie – mit Erfolg – online an.

Willmann deckt eine der wenigen Sparten des Buchmarktes ab, dem es im vergangenen Jahr besser ging als im Vorjahr. Die Kinder und Jugendliteratur verzeichnete nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verglichen mit 2019 ein Umsatzplus von 4,7 Prozent. Börsenvereinssprecher Thomas Koch führt das auf die Corona-Pandemie zurück, während der Bücher Familien Abwechslung und Halt bieten könnten.

Bei der Entstehung eines Buches kostet Willmann nicht das Aufschreiben die meiste Zeit, sondern die „Gedankenarbeit“ und die Recherche: „Man kann mich nach den Besonderheiten der verschiedensten Insekten und nach dem Für und Wider moderner Landwirtschaft fragen – ich weiß jetzt fast alles.“ Ihre achtjährige Tochter – auch eine Büchernärrin – ist eine ihrer kritischsten Leserinnen. „Ich merke beim Vorlesen an ihrer Reaktion sofort, wo es hakt.“

Willmann kann auf ein breites Spektrum von Qualifikationen und Erfahrungen zurückgreifen: Sie studierte Romanistik und Medienwissenschaften, anschließend Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Nach Stationen beim Fernsehsender Arte und bei einer Kölner Filmproduktionsfirma arbeitet sie seit 2010 in Berlin als selbstständige Autorin und Film-Dramaturgin. Besondere geschätzt wird die gebürtige Freiburgerin im Südwesten: Im Jahr 2010 erhielt sie das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, 2017 ein Aufenthaltsstipendium in Rottweil. Hausach (Ortenaukreis) engagierte sie 2018 als Stadtschreiberin.

Sie selbst bevorzugte als Kind die Literatur-Klassiker und konnte sich eher mit männlichen Figuren wie Robin Hood oder Oliver Twist identifizieren als mit den Protagonistinnen typischer Mädchenbüchern. „Mir waren Jungenrollen lieber, junge Menschen, die ihren Weg im Leben suchen und etwas bewirken wollen“, erläutert die große Frau mit dunklen Haaren. Bücher habe sie bereits als Kind verschlungen – auch nachts mit einem angekokelten Teddybär zum Abdunkeln der Lampe. „Es war auch eine Parallelwelt zu dem Leben da draußen und meiner bewegten Familiensituation.“

Die Familie steht auch im Mittelpunkt ihres jetzt im Peter Hammer Verlag erschienenen Buches um den Jungen Rascha. Liebevoll beschreibt sie in ihrer Ich-Erzählung die innige Beziehung des Kindes zu seiner Großmutter, deren köstliche Ofenschlupfer bei Streitigkeiten in der Familie wahre Wunder wirken. Rascha erlebt den körperlichen Verfall und schließlich den Tod seiner „Ima“, „der Mensch, der ganz am Anfang kommt von allen, die ich lieb habe“. Ihren Tod kann er kaum fassen. „Irgendwie dachte ich, du bleibst für immer“ – eine Bemerkung, die für alle gelten mag, die realisieren, dass sie von einem geliebten Menschen Abschied nehmen müssen.

Die Geschichte vor dem Hintergrund des Rottweiler Narrensprungs bewegt – ob Jung oder Alt. Wie der Ofenschlupfer, dessen Rezept am Ende des Buches zu finden ist, hat auch ein guter Roman für Kinder mehrere Zutaten, meint Willmann: „Herz und Wahrhaftigkeit, das Anliegen, etwas Bedeutsames mitzuteilen und die Figuren mit ihren Wünschen und Sehnsüchten ernst zu nehmen.“ Das gelte für jegliche Literatur. „Gute Kinder- und Jugendliteratur ist immer auch Literatur für alle, wie die Bücher von Erich Kästner und Astrid Lindgren.“ Mit ihrem neuen All-Age-Roman wird auch Willmann diesem Anspruch gerecht.

Rascha und die Tür zum Himmel, Peter Hammer Verlag, 128 Seiten; Hardcover 14 Euro