03.11.2020 14:34 Uhr

Gereon Rath ermittelt bei «Olympia»

In der neuen Staffel von «Babylon Berlin» ermittelt Gereon Rath in der Weimarer Republik. Der neueste von Volker Kutschers Romanen, auf denen die Fernsehserie beruht, spielt bereits tief in der Nazizeit, bei einem der wichtigsten Ereignisse des Jahres 1936: «Olympia».

-/Piper-Verlag/dpa

Berlin, Sommer 1936. In der Hauptstadt von Nazi-Deutschland gibt es nur ein Thema: die unmittelbar bevorstehenden Olympischen Spiele. Bei dieser Gelegenheit wollen die Machthaber der ganzen Welt zeigen, wozu sie fähig sind. Da darf nichts schiefgehen.

Immerhin hat der Staat viel investiert, um bei den Besuchern aus aller Welt den Eindruck zu erwecken, in der Stadt, in der überall Hakenkreuzflaggen zu sehen sind, sei alles in Ordnung.

Aber natürlich läuft nicht alles reibungslos. Kurz vor der Eröffnung der Spiele stirbt ein amerikanischer Schwimm-Funktionär beim Mittagessen. Für alle Umstehenden sieht es aus wie ein Herzinfarkt, aber schon bald weiß die Polizei: Der Mann wurde vergiftet. Genau das Schlimmste ist also passiert. Aber wer ist verantwortlich für diesen Anschlag auf den Nazi-Staat und wer hat ihn ausgeführt?

Herausfinden soll das Gereon Rath in seinem achten Roman-Einsatz. In „Olympia“ ist allerdings nicht mehr viel übrig von dem Kriminalpolizisten, der in den ersten Romanen und der Serie „Babylon Berlin“ so erfolgreich ermittelte. Zwar kann er sich immer noch Oberkommissar nennen, aber zu sagen hat er nichts mehr. Offiziell ist der dem Landeskriminalamt zugeteilt, aber in Wahrheit muss er die Aufträge erledigen, die ihm neue Behörden wie die Gestapo oder die Sicherheitspolizei erteilen.

Zur Tarnung wird Rath in die Polizeiwache im Olympischen Dorf versetzt. Er beginnt mit ganz normaler Polizeiarbeit, aber schon bald muss er feststellen, wie sehr er zum Handlanger des Systems geworden ist. Seine Vorgesetzten sind davon überzeugt, dass es eine kommunistische Verschwörung gibt mit dem Ziel, die Olympischen Spiele vor den Augen der ganzen Welt zu sabotieren.

Volker Kutscher zeigt in einer drastischen Szene, worauf Rath sich eingelassen hat, als er unter den Nazis im Polizeidienst geblieben ist. Seine Vorgesetzten reagieren weitaus drastischer, als er erwartet hat. Ein Mann, der eigentlich nur beiläufig in seinen Ermittlungen auftaucht, wird festgenommen und gefoltert. Rath ist gezwungen, beim Verhör dabei zu sein, nicht zuletzt als Botschaft, was ihm selbst drohen könnte, wenn er nicht spurt.

So ermittelt Rath weiter im Olympischen Dorf. Dabei hilft ihm ausgerechnet sein einstiger Pflegesohn Fritze. Eigentlich darf er den Jungen gar nicht treffen, aber da dieser als Helfer im Olympischen Dorf arbeitet und zufällig Augenzeuge war, als der Amerikaner starb, hat Rath einen unerwarteten Zugang zu ungewöhnlichen Insider-Informationen.

Durch Fritze, der zeitweilig fast so viel Raum in den Kapiteln bekommt wie Gereon Rath, erhält „Olympia“ eine zusätzliche Dimension. Rath kann zwar die Eröffnungsfeier der Spiele besuchen, aber Fritze ist direkt bei den Wettbewerben dabei. Er begegnet den legendären Sportler Jesse Owens und Dave Albritton ebenso wie der Regisseurin Leni Riefenstahl, und er erlebt den alltäglichen Rassismus gegen den schwarzamerikanischen Sportlern mit, der sich quer durch die Gesellschaft zieht.

Niemand darf erfahren, dass Fritze Informationen an Rath weitergibt, und auch Raths Ehefrau Charlotte, früher einmal selbst bei der Mordkommission, muss sich tarnen, um an Informationen zu kommen. Geheimnisse durchziehen den ganzen Roman und die gesamte Gesellschaft. Jeder misstraut jedem, und alle haben Angst, bei Verbotenem erwischt zu werden. Schlimmer noch: Es ist kein Ausweg in Sicht. Kutscher legt Charlotte Rath prophetische Worte in den Mund: „Machen sie sich nichts vor. Nach der Olympiade wird es schlimmer werden als jemals zuvor in diesem Land, in dem Recht und Gesetz ohnehin nicht mehr viel gelten.“

Raths Lage wird immer schwieriger. Ein weiterer Mord geschieht im Olympischen Dorf. Diesmal ist ein Soldat das Opfer. Der Druck wächst, schnell einen Täter zu finden und zugleich Unangenehmes vor der Öffentlichkeit zu vertuschen. Dabei muss sich Gereon Rath nicht nur mit den übergeordneten Polizeibehörden arrangieren. Zusätzlich tauchen Verbrecher aus seiner Vergangenheit wieder auf.

In „Olympia“ ist der Polizeikommissar Gereon Rath aus den frühen Romanen ein ganz anderer geworden. Er ist zwar immer noch eigensinnig und unangepasst, aber ihn treiben nicht mehr Ehrgeiz und Selbstvertrauen, sondern nur noch der Wille, in einer feindlichen Welt zu überleben.

Auch wenn Gereon Rath im Jahr 1936 weitgehend am Ende seiner Möglichkeiten angekommen zu sein scheint, so will Volker Kutscher die Geschichte seines Serienhelden fortschreiben. „Ich möchte bis 1938 erzählen, erst dann ist die Rath-Reihe für mich wirklich abgeschlossen“, sagte Kutscher kürzlich im Interview mit faz.net. „Der entscheidende Zivilisationsbruch der Nazis, das ist eben der November 1938. Da muss ich noch hin und meine Figuren ebenso.“

Allein schon die Frage, wie Kutscher die Reihe nach dem dramatischen Finale von „Olympia“ fortsetzen will, birgt viel Spannung in sich.

– Volker Kutscher: Olympia. Der achte Rath-Roman. Piper Verlag, München, 542 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-492-07059-1.

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