Hengameh Yaghoobifarah: Abgrenzen als Überlebensstrategie

«Ministerium der Träume» von Hengameh Yaghoobifarah.
«Ministerium der Träume» von Hengameh Yaghoobifarah.

-/Aufbau Verlag/dpa

16.02.2021 12:31 Uhr

Wegen einer berüchtigten „taz“-Kolumne über die Polizei hätte Horst Seehofer beinahe Hengameh Yaghoobifarah angezeigt. Nun hat das provokante Schreibtalent das Genre gewechselt.

Im letzten Jahr hat Hengameh Yaghoobifarah gezeigt, was für eine politische Welle eine Kolumne (über die Polizei) auslösen kann. Nun ist Yaghoobifarahs Debütroman erschienen, der ebenfalls von rassistischen Strukturen handelt – mit weniger Polemik und vielen Zwischentönen.

Eingebettet ist der Roman in eine Kriminalgeschichte. Er macht deutlich, welche Kraft vom literarischen Schreiben über politische Missstände ausgehen kann.

„Ministerium der Träume“ ist ein spannungsvoller Krimi, den man nicht weglegen kann. Er handelt von Nas, die in einer Bar in Berlin arbeitet und zu Beginn des Buchs erfährt, dass ihre Schwester Nushin umgekommen ist. Autounfall, sagen die Polizisten. Doch das glaubt Nas nicht. Sie entdeckt, dass ihre Schwester Geheimnisse hatte, und kommt ihnen im Laufe von 384 Seiten auf die Spur.

Nas und Nushin sind die Kinder iranischer Eltern. Mit ihrer Mutter immigrieren die Schwestern in den 80ern von Teheran in eine triste Siedlung nach Lübeck-Hudekamp („Wer hier lebt, hat sich das nicht ausgesucht“) und werden dort Zeuginnen rassistischer Hetze, wie die Leserin in Rückblenden erfährt. Rechtsextreme Anschläge der deutschen Geschichte werden ins Gedächtnis gerufen. Diese haben, wie sich herausstellt, indirekt etwas mit dem Tod der Schwester zu tun.

In „Ministerium der Träume“ werden Erfahrungen benannt, die in der deutschen Literatur noch nicht besonders oft eine Rolle gespielt haben. Belehrend ist der Roman aber nicht. Das Politische fügt sich – und das ist eine große Stärke Yaghoobifarahs – mühelos in den Text ein. Das gilt zum Beispiel auch für die Geschlechteridentitäten. Yaghoobifarah selbst definiert sich als nicht-binär, weder männlich noch weiblich, und auch die Figuren identifizieren sich oft nicht mit Heterosexualität.

Geboren 1991 in Kiel, steht Yaghoobifarah für eine Generation, die ein Bewusstsein für Rassismus und gesellschaftliche Privilegien entwickelt hat – „wokeness“ (dt. etwa: „erwacht sein“) wird das oft genannt. In der deutschen Literatur sind Stimmen, die die Erfahrungen von Minderheiten beschreiben, noch immer in der Unterzahl. Doch es werden erfreulicherweise mehr: Man denke etwa an „Streulicht“ von Deniz Ohde oder „1000 Serpentinen Angst“ von Olivia Wenzel, zwei starke Romane aus dem vergangenen Jahr, die auf der Long- beziehungsweise Shortlist des Deutschen Buchpreises standen.

Obwohl sich die Protagonisten gegen Nazis auflehnen, die Polizei kritisieren oder sich über die typischen deutschen Eltern amüsieren, reflektieren sie – oder andere – im Buch ihre eigene Rolle kritisch. „Bin ich weniger Annika, nur weil ich Joghurt- und Eisbehälter als Tupperdosen verwende?“, fragt sich Nas an einer Stelle, nachdem sie sich zuvor exzessiv über die typische „überambitionierte Fußballmama“ aufgeregt hat, „die hinter jedem random Schwarzen Typen in Kreuzberg einen Drogendealer vermutet“.

Dass die Hauptfigur so viel gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft pöbelt, ist eine Überlebensstrategie. So wurde Nas, die sich selbst als „migrantische Lesbe“ bezeichnet, in frühen Jahren etwa von einem Rechtsradikalen vergewaltigt.

Trotz dieser ernsten Themen ist der Roman mit viel Humor, Popkultur-Referenzen und in coolem Slang geschrieben. Das liest sich etwa so: „Die Sache mit der Trauer ist: Du fühlst dich scheiße, und das geht erstmal nicht vorbei. Was kickt, ist Langeweile wegen Depressionen. Zu Hause passiert einfach nichts, ich bleibe nur auf meinem eigenen Film hängen, wie ein Alptraum ohne Wecker, aber halt auch ohne Schlaf.“

Wenn Nas unter Schock durch einen Wald irrt, nachdem sie vom Tod ihrer Schwester erfahren hat, sind ihre Beine „wie durchtränkte Löffelbiskuits in einem schlecht zubereiteten Tiramisu“, ihre Erinnerung löst sich auf „wie eine Tablette in einer Pfütze“.

Als Yaghoobifarah im vergangenen Jahr in der „taz“ ihre Kolumne über die Polizei veröffentlichte, regte sich teils heftiger Widerstand. Es hagelte Anzeigen – unter anderem drohte auch Bundesinnenminister Horst Seehofer eine an – weil in der Kolumne die Polizei in einem Sprachbild mit Müll verglichen wurde. Der Text war von der Pressefreiheit gedeckt, entschied der Deutsche Presserat. Doch manche bedauerten auch, dass durch die Provokation vom eigentlichen Thema – rassistischen Vorfällen in der Polizei – abgelenkt wurde.

In „Ministerium der Träume“ beherrscht Yaghoobifarah hingegen die Zwischentöne und erzählt auch von der inneren Einsamkeit der Hauptfigur, ausgelöst durch traumatische Erfahrungen.

Yaghoobifarah arbeitet in der Redaktion des „Missy Magazine“, schreibt außerdem weiter für die „taz“ und andere deutschsprachige Medien. Bleibt zu hoffen, dass „Ministerium der Träume“ nicht der letzte Ausflug ins literarische Schreiben war.

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