13.10.2020 14:25 Uhr

Klimafolgenbuch «2084» zeichnet düstere Zukunft

Dass die Menschheit die Erde auf dramatische Weise überstrapaziert, das ist seit Jahren klar. Der Wissenschaftler James L. Powell macht mit klaren Bildern aus der Zukunft klar, warum daraus besser jetzt als gleich ein Ausweg gefunden werden sollte.

Quadriga Verlag/dpa

„Opa, wenn die Menschen wussten, dass die globale Erwärmung schlimm werden würde, warum haben sie sie nicht aufgehalten?“ Das ist die zentrale Frage, die sich die Menschheit in „2084“ aus der mittelfernen Zukunft stellen lassen muss.

Der Autor und Wissenschaftler James L. Powell hat damit ein Werk vorgelegt, das dem Leser einen Blick in eine düstere Zukunft gewährt, wenn die drohende Klimakatastrophe vollends eintritt. Jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen – der passende Untertitel: „Eine Zeitreise durch den Klimawandel“.

Diese Reise, so viel sei verraten, wird keine Kaffeefahrt. Die Welt im Jahr 2084 – angelehnt ist der Titel an George Orwells legendäre Zukunftsvision „1984“ – sieht verheerend aus. Aus den Worten, die der Autor fiktiven Forschern und Experten in Interview-Form in den Mund legt, wird schnell klar: Niemand will in dieser Zukunft leben.

Die heute vorausgesagten Szenarien zu Meeresspiegelanstieg, Dürren und weiteren Klimawandelfolgen treten nicht nur in ihrer schlimmsten Form ein, sondern werden teils gar übertroffen. Städte wie Rotterdam sind untergegangen, der Amazonas-Regenwald ist vernichtet worden, die Alpen kennen seit den 2040er Jahren keine Schneekuppen mehr. Schon im Jahr 2042 stürzt eine Flutwelle die Freiheitsstatue vor New York um, Tiere wie Eisbären und Buckelwale sind Geschichte. Wasserknappheit führt zu Kriegen und zu der Erkenntnis, „dass der Mann flussaufwärts König ist“. Und Indien und Pakistan stürzen sich in einen beispiellosen Atomkrieg und damit ins Verderben.

Der Mensch stirbt durch Naturkatastrophen – die Todesursache dafür ist er aber selbst mitsamt seinem Handeln. Gebeutelt von Waldbränden, Überschwemmungen und anderen Katastrophen suchen Millionen Klimaflüchtlinge nicht bloß ein besseres Leben, sondern das schlichte Überleben. Hilfe von den Vereinten Nationen erhalten sie nicht – die sind nämlich schon lange zusammengebrochen. Jeder Staat kämpft im Grunde nur noch für sich selbst. Illegale Migranten strömen gar aus den USA (!) gen Norden. Deren Präsident Trump hat zwar drei Amtszeiten überstanden, nicht aber den Rechtsruck in seinem Land.

Wobei die Politik als solche ohnehin in großen Teilen der Welt völlig unbedeutend geworden ist, wie Powell einen Faschismus-Experten sagen lässt. „Warum sollte man sich auch die Mühe machen, wählen zu gehen, wenn man weiß, dass die politischen Anführer der Vergangenheit versagt und so dafür gesorgt haben, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht?“

Was bei all dem erschreckt, ist die Nüchternheit, mit der Powell die Experten diese Zukunft schildern lässt. Anhand von wissenschaftlichen Fakten und Prognosen zu den Folgen des menschgemachten Klimawandels zeigen diese fiktiven Interview-Partner auf, wohin die Reise geht, auf die die Menschheit die Erde und sich selbst geschickt hat.

Der Autor kann die Zukunft nicht vorhersehen, weiß aber, woher er spricht: Unter den Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush saß er im National Science Board der USA, in seinen wissenschaftlichen Arbeiten kämpft er seit langem gegen die Behauptungen von Klimaleugnern. In „2084“ zeigt Powell nun auf, wie es in sechseinhalb Jahrzehnten um einzelne Aspekte der Klimakrise stehen könnte: um Dürren und Feuer, Überschwemmungen, den Meeresspiegel, das Eis, Kriege, Faschismus und Migration, um die Gesundheit und schließlich das Artensterben. Zum Abschluss stellt er einen Ausweg zur Debatte, der unter Klimaschützern höchst umstritten ist: die Atomkraft.

Was Powells Werk von den meisten anderen Klimabüchern unterscheidet, ist die Vermischung von bekannten Fakten und Fiktion. Das kann man als Stärke und als Schwäche sehen: Einerseits entspinnt der Autor damit aus den heutigen Prognosen, was morgen geschehen könnte. Andererseits könnte er damit den einen oder anderen Leser verprellen: Wer sich ein Sachbuch wünscht, der wird über die erzählerischen Elemente stolpern – und wer einen spannenden wie leicht zu lesenden Roman lesen will, den werden die umfassenden Fakten mit der Zeit etwas ermüden. Reine Sachbuch-Fans sind beim Thema Klima vielleicht besser bei Naomi Klein oder David Wallace-Wells aufgehoben, Freunde fiktiver Spannung etwa bei Marc Elsberg oder Jean-Marc Ligny.

Eine Daseinsberechtigung hat „2084“ trotzdem allemal. Powells Buch ist eine Erinnerung daran, dass sich etwas ändern muss, sollen künftige Generationen nicht dazu gezwungen werden, in einer wahr gewordenen Dystopie leben zu müssen. Warum akzeptiert die Menschheit, dass sie ihre Zukunft auf das Massivste in Gefahr bringt? Diese Frage wirft Powell immer und immer wieder auf. Und am Ende resümiert der fiktive Fragensteller: „Irgendetwas stimmt nicht mit uns.“

– James Lawrence Powell: 2084. Eine Zeitreise durch den Klimawandel. Quadriga Verlag, Berlin, 255 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-86995-099-0.

Copyright 2020, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Das könnte Euch auch interessieren