Montag, 11. Juni 2018 22:20 Uhr

Filmkritik: „Hereditary“ belebt das Horror-Genre neu

Der Film „Hereditary“ des bislang weitgehend unbekannten Regisseurs Ari Aster wird bereits als der neue „Exorzist“ gefeiert. Das liegt daran, dass er das Horrorfilm-Genre behutsam aufpoliert – und sich Zeit lässt.

Filmkritik: "Hereditary" belebt das Horror-Genre neu

Foto: Splendid

Manchmal ist es ein Klacken, manchmal ein Huschen. Manchmal ist es einfach auch gar nichts. Aber da man darauf wartet, dass irgendwas passieren muss im Haus der Grahams, direkt am Waldrand, strapaziert auch dieses Nichts die Nerven. Man hält es kaum aus. Wenn jemand im Kinosaal aufsteht, zuckt man sofort zusammen. Es sind keine großen Dinge, die Regisseur Ari Aster nutzt, um seinen Film „Hereditary – Das Vermächtnis“ zu einem Horrorfilm zu machen.

Das Allermeiste spielt sich im Kopf ab, über Töne, Zeichen und kleine Gesten. Oft vertraut Aster einfach auf die Macht der Bilder und eine unerträgliche Stille. Zumindest solange, bis er endlich das Geheimnis lüftet, was mit der Familie Graham um Mutter Annie, gespielt von Toni Collette („Little Miss Sunshine“), nicht stimmt.

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Große Vorschusslorbeeren

Weil viele große Horrorfilme diese Kunst des Kleinen beherrschen, hat „Hereditary“ schon vor dem Kinostart allerhand Lorbeeren eingeheimst und beim Sundance-Filmfestival Eindruck hinterlassen. „Time Out“ bezeichnete das Werk schon als „Der Exorzist“ der neuen Generation. Zum Ruhm mag auch beigetragen haben, dass der „Sydney Morning Herald“ von einer missglückten Kino-Vorstellung in Perth berichtete: Vor dem knuffigen Kinderfilm „Peter Hase“ soll dort fälschlicherweise ein „Hereditary“-Trailer gezeigt worden sein – mit nachhaltiger Wirkung auf die Zuschauer.

„Hereditary“ beginnt damit, dass die Großmutter der amerikanischen Familie Graham stirbt. Fortan hat man das Gefühl, dass die verblichene Oma ein Geheimnis hatte. Ihr Tod hängt wie ein Schleier über dem Leben der Grahams. Es passieren seltsame Dinge. Neben Mutter Annie gehören noch Vater Steve (Gabriel Byrne), Sohn Peter (Alex Wolff) und Tochter Charlie (Milly Shapiro) zur Familie.

Während Peter vor allem kifft, zieht sich seine kleine Schwester in ihr Baumhaus zurück, um dort aus Tierteilen und Unrat kleine Totems zu basteln. Man erfährt, dass das introvertierte Mädchen, das Förderunterricht bekommt, das Lieblingskind der Oma war. Mutter Annie geht derweil zu einer Selbsthilfegruppe, um über den Tod der Mutter zu sprechen. Dort lernt sie eine Hausfrau kennen, die sich offenkundig etwas zu sehr für dunkle Spielarten der Spiritualität interessiert.

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Wird „Hereditary“ zum Überraschungshit?

Man sollte nicht zu viel verraten, aber man kann sagen: All das folgt einem Plan und irgendwann werden aus Andeutungen Realitäten. Bis dieser Punkt erreicht ist, lässt sich Regisseur und Autor Ari Aster – bislang weitgehend unbekannt und im Kurzfilm-Fach zu Hause – viel Zeit. Langsam entfaltet er das Familien-Panoptikum. Jedes Teil in dem Film hat einen wohldurchdachten Platz. Unterstrichen wird dieser Eindruck von den Kunstarbeiten der Mutter Annie. Sie baut Familienszenen akkurat als Miniaturen nach, wie ein Puppenhaus. Ähnlich dürfte Aster vorgegangen sein, als er das Drehbuch schrieb.

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Das Horrorfilm-Genre lechzt nach einem Überraschungshit, der auch den Mainstream erreicht, so wie etwa „Blair Witch Project“. Kann „Hereditary“ das sein? Man wird sehen. Das Genre erfindet der Film sicherlich nicht neu. Recht oft hat man sogar das Gefühl, dass bekannte Motive nur neu komponiert wurden – von mysteriösen Kinder-Figuren über dunkle Magie bis zu bedeutungsschwangeren Tierkadavern. Regisseur Ari Aster hat erkennbar großes Talent. Es war sein Spielfilmdebüt, ein „Exorzist“ kann noch kommen. (Jonas-Erik Schmidt, dpa)

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