Freitag, 15. Juni 2018 21:20 Uhr

Insolvenzverwalter: Boris Becker hat keine diplomatische Immunität

Kann sich die Tennis-Legende mithilfe diplomatischer Immunität einem Insolvenzverfahren in London entziehen? Die Anwälte von Boris Becker meinen es offenbar ernst. Doch es gibt ziemlich viele Ungereimtheiten. Hier ist das Neuste zu den Schlagzeilen des heutigen Freitags!

Insolvenzverwalter: Boris Becker hat keine diplomatische Immunität

Boris Becker geht in die Offensive. Foto: Daniel Reinhardt

Der britische Insolvenzverwalter von Boris Becker (50) glaubt nicht an diplomatische Immunität des ehemaligen Tennisstars. Das teilte die Londoner Kanzlei Smith & Williamson, die mit dem Fall betraut ist, am Freitagabend mit. Beckers Anwälte hatten zuvor bekannt gemacht, ihr Mandant könne wegen seiner Aufgabe als Sonderattaché für Sport und kulturelle Angelegenheiten der Zentralafrikanischen Republik bei der EU nicht mehr rechtlich belangt werden. Den Posten hatte Becker eigenen Angaben zufolge im April als Ehrenamt übernommen.

Entscheiden muss in dem Streit nun der Londoner High Court. Beckers Anwälte haben dort einen Antrag gestellt, das Insolvenzverfahren gegen ihn wegen der diplomatischen Immunität bis auf Weiteres zu stoppen, wie aus einer Pressemitteilung der Londoner Kanzlei Sal & H hervorgeht. Ihr Mandant könne ohne die Zustimmung der Zentralafrikanischen Republik keinem rechtlichen Verfahren unterworfen werden, teilten die Becker-Anwälte mit. Außerdem bedürfe es dafür der Zustimmung des britischen Außenministers Boris Johnson und seines zentralafrikanischen Amtskollegen.

Insolvenzverfahren sollte am 21. Juni enden

Ursprünglich hätte das Insolvenzverfahren gegen Becker am 21. Juni zu Ende gehen sollen, die Tennis-Legende wäre ihre Schulden los gewesen. Doch der Insolvenzverwalter hatte einen Antrag auf Verlängerung gestellt. Er wirft Becker vor, seine Pflichten aus dem Verfahren nicht ausreichend erfüllt zu haben.

Was genau unter Beckers Tätigkeit für die Zentralafrikanische Republik zu verstehen ist, blieb zunächst unklar. Auf der Webseite der Brüsseler Vertretung des Landes wird Becker als „Attaché für die Beschaffung von Mitteln für sportliche, kulturelle und humanitäre Angelegenheiten“ bezeichnet. Ein Attaché ist ein auf einen bestimmten Bereich spezialisierter Botschaftsmitarbeiter. In dem Schreiben seiner britischen Anwälte heißt es sogar einmal, der Ex-Tennisstar sei selbst Botschafter.

Unklar ist auch, warum Becker als Diplomat bei der EU Immunität in Großbritannien genießen soll. Sein deutscher Anwalt, Christian-Oliver Moser, teilte dazu mit, Becker sei in Brüssel bestellt, aber in Mission im Vereinigten Königreich. Eine offizielle Bestätigung für die Akkreditierung Beckers gab es aber weder in Brüssel noch in London. Das britische Außenministerium teilte mit, es gebe keine Aufzeichnungen darüber, dass Becker in diplomatischer Mission in Großbritannien sei. Ob es so sei, müsse ein Gericht entscheiden.

Die EU-Kommission weiß von nichts

Die EU-Kommission wusste ebenfalls nichts von Beckers angeblichem Diplomatenstatus. „Wir waren weder in die Ernennung involviert, noch wurden wir wegen einer EU-Akkreditierung angefragt“, sagte eine Kommissionssprecherin. Das sei allerdings auch nur bei Botschaftern üblich.

Auch Regierungsvertreter in der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, Bangui, wussten auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) nichts von der Rolle Beckers. Sportminister Sylvain Ngarso sagte, er habe keinerlei Informationen zu Beckers angeblicher Rolle als Botschafter für Sport und Kultur. Auch Außenminister Armel Doubane wisse nichts davon.

Eine Expertin für Internationales Recht von der City Law School in London bezweifelt unterdessen, dass Boris Becker mit seinem Attaché-Status Immunität genießt. „Er ist wahrscheinlich nicht immun, weil er keine Akkreditierung hat“, teilte Professorin Katherine Reece Thomas auf dpa-Anfrage mit. Zudem schütze die diplomatische Immunität nicht vor zivilrechtlichen Klagen hinsichtlich geschäftlicher Tätigkeiten.

„Zugegebenermaßen ungewöhnlich“

Spekulationen, Becker habe den Diplomaten-Posten nur angenommen, um sich dem Insolvenzverfahren zu entziehen, wies der Becker-Anwalt Moser zurück. Der Schritt sei „zugegebenermaßen ungewöhnlich“. „Es ist aber nicht so, dass Herr Becker das diplomatische Amt übernommen hat, um auf diese Weise das Insolvenzthema zu lösen. Er ist nach wie vor inhaltlich davon überzeugt.“

Becker selbst wollte sich auf dpa-Anfrage nicht äußern. In einer schriftlichen Stellungnahme auf Englisch hatte er den Schritt gerechtfertigt. Er sei Opfer einer „Farce“ geworden, klagt er. Ein „Haufen anonymer und unverantwortlicher Banker und Bürokraten“ habe ihm ein „vollkommen unnötiges“ Insolvenzverfahren aufgezwungen. Er habe dadurch „eine Menge Schaden“ erlitten, „sowohl finanziell als auch professionell“, schrieb er.

Und Becker will auch zum Gegenschlag ausholen: „Ich werde diejenigen verfolgen, die diesen Prozess erzwungen haben und sie öffentlich verantwortlich machen für ihre Taten.“ Auf seine Ernennung zum Sport- und Kulturattaché sei er „immens stolz“, so Becker. (Christoph Meyer und Jürgen Bätz, dpa)

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