60 Jahre Fernsehkrimi „Das Halstuch“

dpadpa | 02.01.2022, 13:39 Uhr
Kriminalinspektor Harry Yates (Heinz Drache, l) und der Maler John Hopedean (Dieter Borsche) in einer Szene des ARD-Krimis "Das Halstuch" (1962).
Kriminalinspektor Harry Yates (Heinz Drache, l) und der Maler John Hopedean (Dieter Borsche) in einer Szene des ARD-Krimis "Das Halstuch" (1962).

KPA/United Archives/dpa

Millionen lassen sich 1962 sechs Abende lang vom „Halstuch“ fesseln. Krimifieber befällt Deutschland wie nie davor und nie danach. Was ist dran an der WDR-Serie, die auf neun von zehn Fernsehern flimmerte?

Wer Anfang Januar 1962 in Westdeutschland einen Abendspaziergang macht, kann sich zuweilen wie der letzte Mensch auf Erden fühlen. Alle Straßen leer und ausgestorben.

Denn die Nation hockt geschlossen vor der Glotze. Der Sechsteiler „Das Halstuch“ von Francis Durbridge geht als erfolgreichster deutscher Straßenfeger in die Geschichte ein, das größte Fernsehereignis vor der Mondlandung.

Wer hat die hübsche Faye Collins ermordet?

Die ganze Bundesrepublik rätselt an sechs Abenden mit dem englischen Kriminalinspektor Harry Yates, gespielt vom jungen Heinz Drache: Wer um Himmels Willen hat denn bloß in dem idyllischen Dorf Littleshaw in Hertfordshire die hübsche Faye Collins mit einem Halstuch erdrosselt?

War es der skrupellose Modeverleger Clifton „Terry“ Morris (Albert Lieven)? Oder der schmierige Maler John Hopedean (Dieter Borsche)? Oder Fayes aufbrausender Bruder Edward (Hellmut Lange)? Und wie passt der nervöse und immer zu spät kommende Geigenschüler Gerald Quincey ins Bild? Vor 60 Jahren, am 3. Januar 1962, ging die Mörderjagd los. Sie endete in einem der größten Fernsehskandale bis zum heutigen Tag.

Dass viele Zeitgenossen das „Halstuch“ als Meilenstein in Erinnerung haben, kann nicht an den Dialogen liegen, die oft zäh und verwirrend sind. Die Kameraführung mit einem Minimum an Schnitten, der komplexen Ampex-Magnetbandtechnik geschuldet, hat einen spröden Theater-Charme.

Dennoch ist vieles an der WDR-Produktion sehr sehenswert. Schließlich spielt die erste Reihe der deutschen Kinostars mit. Heinz Drache ist da gerade erst im Edgar-Wallace-Reißer „Der Rächer“ zu sehen gewesen. Dieter Borsche hat sich mit Rührstücken wie „Dr. Holl“ in die Herzen von Millionen Frauen gespielt. Die hinreißende Erica Beer kennt das Publikum noch aus „Schwarzwaldmelodie“, einem Riesenerfolg, auch wenn der „Spiegel“ den Film mit einer biederen Kuckucksuhr verglichen hat.

Es gab damals schon Cliffhanger

Aber da ist noch mehr: Zum Beispiel der unheilschwangere Vorspann mit den gezackten Buchstaben und der wilden Jazzmusik von Hans Jönsson. Wichtiger ist aber, was am Ende jeder Folge steht und 1962 sehr neu ist: die Cliffhanger in jeder letzten Einstellung. Und sie werden mit jeder Folge besser. In Folge eins taucht die Tatwaffe, ein seidenes Männerhalstuch, auf. In Folge zwei kommt ein Feuerzeug zum Vorschein, das die ganze Suche zwingend auf einen Mann lenken scheint. In Folge drei dann der Schocker: Eine zweite Frauenleiche liegt auf dem Sofa.

Die Spannung unter den Deutschen wird also immer größer, jeden Abend treffen sich mehr Leute zum „Halstuch“ gucken, viele schließen Wetten auf den Mörder ab. Kaum ein Mensch geht noch ins Kino, manche Fabrik muss ihre Nachtschicht ausdünnen. Was man bei all dem nicht vergessen darf: Im Januar 1962 verfügen nur 5 887 000 deutsche Haushalte über ein Fernsehgerät. Der Rest muss sehen, wo er sich dazusetzen kann.

Eine mit heute vergleichbare Quotenmessung gibt es 1962 zwar noch nicht. Das Marktforschungsinstitut Infratest ermittelt aber am nächsten Tag durch Anrufe, wer eingeschaltet hat. 79 Prozent aller Geräte sind es demnach am ersten Ausstrahlungstag, schwindelerregende 93 Prozent sogar am letzten Tag, als der Mörder der jungen Frau, die mit einem Schal umgebracht worden ist, eigentlich entlarvt werden sollte.

Wolfgang Neuss ist der Spielverderber

Sollte. Denn der wie ein Staatsgeheimnis gehütete Name des Mörders ist da bereits durch den Berliner Kabarettisten Wolfgang Neuss dreist enthüllt worden. Er hat in der Berliner Zeitung „Der Abend“ diesen Text annonciert: „Ratschlag für morgen – Nicht zu Hause bleiben, denn was soll’s: Der Halstuchmörder ist Dieter Borsche. Also Mittwoch abend ins Kino. Ein Kinofan (Genosse Münchhausen)“. Warum hat Neuss das getan? Vermutlich hat der Komiker einfach um die Kinoeinnahmen seines gerade angelaufenen Kinofilms „Genosse Münchhausen“ gebangt.

Was folgt, hat Neuss vermutlich nicht erahnt. Eine Welle der Wut geht durch die Republik. Die Boulevardpresse wirft ihm Vaterlandsverrat vor. Er soll sogar Morddrohungen erhalten haben. Doch wie ist er auf die Auflösung gekommen? Eine Erklärung besagt, dass Neuss‘ Mutter und Borsches Ehefrau sich von derselben Fußpflegerin behandeln ließen.

Dennoch lassen sich viele den Spaß an der letzten Folge am 17. Januar nicht nehmen. Laut Umfrage ist das Publikum mit der Auflösung sehr zufrieden. Eine Zeitung titelt: „Das Volk hat seinen Frieden wieder.“

Dann taucht plötzlich ein neues Problem auf. Das TV-Verbrechen findet im echten Leben Nachahmer. Die Deutsche Kriminologische Gesellschaft bringt im Februar 1962 zwei vollendete und einen versuchten Mord mit dem Blockbuster aus dem Ersten Deutschen Fernsehen in Verbindung.

„Es ist stets das Neue, Ausgefallene, das den potenziellen Täter anspricht“, doziert ein besorgter Ex-Gefängnisdirektor wenige Wochen nach der Krimi-Ausstrahlung in einer Fernsehdiskussion. Er meint die Technik, einen Menschen mit einem Halstuch zu erdrosseln. Das könne Schule machen, warnt er, genauso wie die „Halbstarken-Krawalle“.