Der Vampir-Schocker „Nosferatu“ wird 100

dpadpa | 02.03.2022, 15:42 Uhr
Graf Orlok (Max Schreck) kommt in Wisborg an; mit ihm auf dem Schiff die pestbringenden Ratten.
Graf Orlok (Max Schreck) kommt in Wisborg an; mit ihm auf dem Schiff die pestbringenden Ratten.

---/ZDF/Arte/dpa

Die „Symphonie des Grauens“ steht unter keinem guten Stern. Erst gibt es Streit um Urheberrechte. Dann werden fast alle Kopien vernichtet. Und der kreative Kopf dahinter wird sogar noch im Grab enthauptet.

Ein Untoter hat Geburtstag: Der deutsche Horrorfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ wird 100 Jahre alt. Das Werk von Friedrich Wilhelm Murnau, das am 4. März 1922 in Berlin Premiere hatte, war die erste große Verfilmung des Schauerromans „Dracula“.

Der expressionistische Vampir-Film fand als einer von wenigen Schwarz-Weiß-Filmen einen prominenten Platz in der Popkultur. Die Szene, in der ein dürrer menschlicher Schatten mit ausgestreckten Pranken eine Treppe hinauf gleitet, wurde unzählige Male kopiert.

Zu den Gratulanten des Filmjubiläums gehört der deutsch-französische Kultursender Arte. Er sendet vom 4. März bis 9. März gleich mehrere Themenabende zu Vampiren. Das restaurierte Original mit dem gruseligen Hauptdarsteller Max Schreck (übrigens kein Künstlername) zählt ebenso dazu wie die Doku „Nosferatu – Ein Film wie ein Vampir“.

Das Grauen gab es auch in der Realität

In dem Dokumentarfilm äußert sich unter anderem der Filmforscher und „Nosferatu“-Kenner Rolf Giese: „Das besonders Interessante an „Nosferatu“ ist, dass das Grauen im Kinosaal war – aber auch außerhalb des Kinosaals.“ Überall im Straßenbild seien heimgekehrte Frontsoldaten mit grausigen Verstümmelungen zu sehen gewesen. „Es war der Erste Weltkrieg zu Ende. Und in Folge des Weltkriegs kam die Spanische Grippe, breitete sich aus. Und der Vampir auf der Leinwand war wie ein Sendbote. Er war wie ein personifiziertes Virus.“

Filmproduzent Albin Grau will die Idee zum Blutsauger aus dem Krieg mitgebracht haben. Ein serbischer Bauer soll ihm von einem Verwandten erzählt haben, der im Sarg nicht verwest sei und dem auch Vampirzähne gewachsen seien. „Albin Grau war so was wie ein Universaltalent, kann man sagen“, sagt Publizist Friedemann Beyer in der Arte-Doku. „Er war Plakatmaler, Plakatgrafiker. Er fühlte sich aber auch zu Höherem berufen. Deshalb stieg er als Filmproduzent ein und war Meister einer okkultistischen Loge. Und auch das entsprach durchaus dem Zeitgeist.“

In Friedrich Wilhelm Murnau fand Grau die perfekte Ergänzung. Dieser gilt neben Fritz Lang als wichtigster deutscher Stummfilmregisseur. Von seinen wohl gut 20 Filmen gelten leider acht als verschollen. Die Technik der „entfesselten Kamera“, die Murnau im Jahr 1924 für die Tragödie „Der letzte Mann“ einsetzte, war für die Kinogeschichte ein so großer Durchbruch, dass man es mit dem Tonfilm vergleichen kann. Murnaus Karriere war allerdings von unzähligen Rückschlägen geprägt.

Und „Nosferatu“ entwickelte sich zu seinem allergrößten Flop. Nicht nur dass die vielen Außendrehs – unter anderem in den Karpaten – sehr viel Geld verschlangen. Nicht nur dass die Produzenten ein Großteil des Produktionsetats in privaten Luxus wie teuren Wein und Zigarren zweckentfremdeten. Nicht nur dass sie Unsummen in aufwendige Werbung steckten („Nosferatu“ gilt als erster Film mit höherem Werbeetat als eigentlichem Filmbudget). Sie ignorierten auch völlig blind die Frage der Urheberrechte. Denn was immer Grau inspiriert haben mag: Der Film war eine klar erkennbare Filmadaption des Romans „Dracula“ von 1897.

„Nach der Premiere von „Nosferatu“ meldete sich die Witwe des Autors der Vorlage und verklagte die Produktionsfirma Prana Film auf Schadenersatz“, schildert Filmhistoriker Beyer. „Prana Film hatte die Rechte an Bram Stokers Roman nicht erworben. Es gab einen gerichtlichen Beschluss, dass der Film und alle Kopien dieses Films vernichtet werden sollten. Insofern ist dieser Film quasi ein Untoter, der heute immer noch sein Unwesen treibt.“

Schon zuvor hatten große Kinoketten den Film gemieden, nun noch die Klage. „Nosferatu“ überlebte nur dank zahlreicher Raubkopien im In- und Ausland. Heute gilt er als expressionistisches Meisterwerk und wichtiges deutsches Kulturerbe. Eine Kopie in der Cinémathèque française war 2005 Basis einer Restaurierung und Digitalisierung.

Während es mit dem Film also ein gutes Ende nahm, kann man das von Murnau nicht sagen. Er verunglückte 1931 auf einer der schönsten Straßen Kaliforniens, der Strecke von Hollywood nach Monterey. Am Steuer soll sein 14-jähriger Diener gesessen haben, bis dieser die Kontrolle verlor. Berichten zufolge erschienen nur elf Gäste zu seiner Beerdigung, darunter Diva Greta Garbo und Regiekollege Fritz Lang. Und Murnau fand nicht einmal im Tod Ruhe. 2015 wurde sein Grab geschändet und sein Kopf gestohlen. Er ist bis heute verschwunden.