Schottische Serie „Guilt – Keiner ist schuld“ auf Arte

Jake (Jamie Sives, l) und Angie (Ruth  Bradley) in der Krimiserie «Guilt - Keiner ist schuld».
Jake (Jamie Sives, l) und Angie (Ruth Bradley) in der Krimiserie «Guilt - Keiner ist schuld».

Mark Mainz/BBC/Expectation/Happy Tramp North/ARTE/dpa

01.09.2021 12:11 Uhr

Ein Unfall, ein Toter und zwei ungleiche Brüder, die sich im Netz aus Schuld, Sühne und Verantwortung verstricken: Eine schottische Serie zeigt, welche Macht der Zufall über das Schicksal haben kann.

Zwei Männer fahren nachts auf einer ruhigen Straße in Edinburgh. Sie plaudern. Dann kommt es zu einem Aufprall. Beide stoßen hysterische Schreie aus. Ein alter Mann liegt mit weit aufgerissenen Augen auf der Straße – mausetot. Was nun?

Kurz vor dem Unfall schwärmte einer der beiden von der gemeinsam besuchten Hochzeitsfeier. Davon, wie schön er es fand, dass das Brautpaar Schmetterlinge in den Himmel fliegen ließ. Der andere beschwerte sich, dass es wegen der kostspieligen Schmetterlings-Aktion keine Freigetränke für die Gäste gab. „Du hast kein Herz“, so der eine. „Und du hast zu viel davon“, murmelte der andere. Damit wird in den ersten drei Minuten der BBC-Serie „Guilt – Keiner ist schuld“ klar, wie die Rollen unter den beiden Männern, zwei Brüdern, verteilt sind. Der Vierteiler läuft am Donnerstag ab 22.00 Uhr auf Arte.

Da ist der kaltschnäuzige Max (Mark Bonnar), der ältere der beiden, der einen schicken Wagen, ein schönes Haus, eine hübsche Frau und eine Anwaltskanzlei hat. Der sanftmütige Jake (Jamie Sives) lebt in einer kleinen Wohnung, hat kein Auto, keine Frau und arbeitet in einem Plattenladen, den ihm sein Bruder gekauft hat. Die beiden haben nichts gemeinsam, aber jetzt verbindet sie der Unfall. Das Geheimnis. Denn Max will alles vertuschen, die Polizei von sich fernhalten. Sein Bruder hingegen hat sein „halbes Leben gelebt und nichts zu verlieren“.

Wie geht man mit verpassten Chancen im Leben um? Mit Sünden, Schuld und Verantwortung sich selbst, aber vor allem anderen gegenüber? Das sind die Themen dieser Krimiserie. Der tote Rentner Walter bildet dabei den Überbau für das Kammerspiel, in dessen Zentrum die Beziehung der Brüder Folge für Folge auseinandergenommen wird. Und das mal dramatisch, dann wieder komödienhaft, fast slapstickartig.

Die Brüder bauen ein Lügengebilde auf, das beide aneinander kettet – obwohl sie 40 Jahre lang nichts miteinander zu tun haben wollten. „Wenn du dich jetzt von mir abwendest, sind wir beide am Arsch“, warnt Max seinen Bruder. Den Plattenladen hat er ihm übrigens nicht etwa aus Fürsorge finanziert, sondern um dieses Geschäft für seine Finanzbetrügereien zu benutzen. Doch Jake sieht eine zweite Chance auf ein besseres Leben am Horizont – und das in Gestalt der Nichte des Toten: Angie (Ruth Curtis) aus Chicago. Das Problem: Sie stellt Fragen zum Tod des Onkels. Aber ist sie wirklich die Nichte aus Amerika? Und was ist mit der mysteriösen Nachbarin, die alles in der Nacht gesehen haben will und Max zu erpressen versucht?

Jede Figur der Serie hat ein Geheimnis. Und es ist eine Freude zu sehen, wie sich die Charaktere in jeder einzelnen Folge in jeweils 50 Minuten abmühen, um den ganzen Schlamassel im Zaum zu halten. Allen voran Max, dessen perfektes Leben eine Fassade ist, die sich immer mehr auflöst. Das Mitleid hält sich in Grenzen. Jeder bekommt am Ende eben das, was er verdient. Die Assoziation zu Kain und Abel liegt nahe. Hier wird der jüngere Bruder zwar nicht erschlagen, aber dafür manipuliert und unterdrückt. Und das ist ja auch ein kleiner Tod. Und diese Tragik im Verhältnis mit einer Prise schwarzem Humor zu erzählen, ist die hohe Kunst, die hier gelingt.