„Tatort: Dreams“ – In der Welt der Klarträume

dpadpa | 05.11.2021, 15:30 Uhr
Ivo Batic (Miroslav Nemec, l) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) fragen sich, wer den Flügel zerstört haben könnte.
Ivo Batic (Miroslav Nemec, l) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) fragen sich, wer den Flügel zerstört haben könnte.

Hendrik Heiden/BR/NEUESUPER GmbH//dpa

Im Traum Dinge üben, damit man sie nach dem Aufwachen besser kann. Klarträumen nennt man das. Was es mit diesen Phänomen auf sich hat, zeigt ein hochspannender Krimi.

Meisterhaft Geige spielen oder virtuos über die Klaviertasten gleiten – im Traum kann das funktionieren. Schade nur, dass nach dem Aufwachen von diesen Fähigkeiten meist nichts mehr übrig ist.

Doch glaubt man dem Münchner TV-Krimi „Dreams“ aus der ARD-Reihe „Tatort“, könnte das Klarträumen oder luzide Träumen sportliches oder musisches Können durchaus verbessern, zu sehen am Sonntag (7. November) um 20.15 Uhr im Ersten. Zwei Musikerinnen wollen sich darin im Schlaf optimieren, angespornt von immensem Leistungsdruck. Doch kann das wirklich funktionieren?

Bei „Dreams“ hat das Klarträumen dramatische Folgen. Die Violinistin Marina taucht aufgeregt bei der Polizei auf. Sie glaubt, dass sie ihre beste Freundin getötet haben könnte, mit der sie im Orchester um den Posten der stellvertretenden Konzertmeisterin konkurriert. Sicher ist sie aber nicht, dass sie die Tat wirklich begangen hat. Und eine Leiche am angeblichen Tatort gibt es nicht. Alles doch nur ein Traum? Marina ist verwirrt und kann Traum und Realität nicht unterscheiden.

Der hochspannende Fall konfrontiert die TV-Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) mit der hochkomplexen menschlichen Psyche und dem Phänomen des Klarträumens. Anders als in normalen Träumen sind sich die Menschen dabei ihres Zustands bewusst und können sogar Entscheidungen treffen.

Klarträumen könne man lernen, sagt Michael Schredl vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Für ein gängiges Mittel zur Steigerung von Leistung oder Virtuosität hält er es aber nicht. Die meisten Menschen benötigten viel Übung und Ausdauer, um Klarträume so oft zu haben, dass sie sinnvoll eingesetzt werden könnten.

Dass es klappen kann, beweisen fünf Musiker, über deren luzide Träume Melanie Schädlich von der Universität Heidelberg und Daniel Erlacher von der Universität Bern 2018 berichteten. Eine Frau etwa spielte im Klartraum Gitarre am Strand, ein anderer stand mit berühmten Musikern auf der Bühne und gab zu seiner eigenen Überraschung mittelalterliche Kammermusik zum Besten. Eine Sängerin liebte ihre Traum-Stimme und konnte auch im Wachzustand viel befreiter singen. Und ein Musiker kam mit Konzerten besser zurecht. Offenbar seien luzide Träume wichtig für die Kreativität und die Inspiration, folgerten die Forscher.

Wunder bewirken Klarträume aber nicht, weiß die Psychologin Brigitte Holzinger, die Kurse im Klarträumen anbietet. „Wenn ich Hemmungen habe beim Klavierlernen, weil ich glaube, ich kann es nicht, und dann im Traum virtuos spiele, kann das etwas lösen“, sagt die Leiterin des Instituts für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien. „Aber das erspart nicht das Erlernen, Üben und Beschäftigen damit tagsüber.“

Holzinger warnt vor übertriebenen Hoffnungen, zudem sei das Phänomen noch zu wenig erforscht. „Mein Eindruck ist, dass man sehr romantisch zu viel ins Klarträumen hineinliest, weil es ein extrem wunderbarer Zustand ist“, erklärt die Somnologin. In luziden Träumen sei man oft sehr glücklich. „Heftige Angst, die den Traum zum Alptraum macht, oder starke Trauer können in pures Glück umgewandelt werden.“

Im Film „Dreams“ von Regisseur Boris Kunz („Hindafing“) entspricht vieles den Erkenntnissen. Manches wurde aus dramaturgischen Gründen angepasst, aber das schadet nicht. Das Drama um Leistungsstreben, Neid und nächtliche Selbstoptimierung entfaltet sich stimmig und hochspannend, auch wegen der hervorragenden Schauspieler, allen voran Jara Bihler als Marina, die ihren Träumen nicht mehr traut. Lisa Marie Janke ist die Geigenlehrerin und Katrin Röver spielt die Inhaberin des Instituts, wo die Mädchen unter Aufsicht klarträumen.

Lernen im Schlaf – ein schöner, aber auch erschreckender Gedanke. „Das wäre nicht respektvoll, wenn ich den Traum ausquetschen würde bis aufs Blut, damit ich noch schneller bin beim Geigensolo“, findet Holzinger. Inneres Wachstum sei erstrebenswert, nicht dagegen übertriebenes Leistungsdenken. „Wir sind eh so getrimmt auf Leisten müssen und auf Selbstoptimierung. Das kann krank machen.“