Unfassbares Unrecht: „Ich werde nicht schweigen“

dpadpa | 30.03.2022, 12:04 Uhr
Misstrauisch betrachtet Herr Windhorst (Martin Wuttke) seine Nachbarin Margarete Oelkers (Nadja Uhl).
Misstrauisch betrachtet Herr Windhorst (Martin Wuttke) seine Nachbarin Margarete Oelkers (Nadja Uhl).

Vaclav Sadilek/3sat/dpa

Die ersten Jahre nach dem Krieg: Der Film „Ich werde nicht schweigen“ handelt von einer jungen Witwe und Mutter, die hart um das kämpfen muss, was ihr zusteht.

1948. Die junge Witwe Margarete Oelkers (Nadja Uhl) lebt im niedersächsischen Oldenburg, gemeinsam mit ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist Modellschneiderin und hält sich mit kleinen Gelegenheitsarbeiten über Wasser.

Sie arbeitet auch für Frau Ahrens (Katja Flint), Gattin von Dr. Paul Ahrens (Rudolf Kowalski), dem Leiter des Gesundheitsamtes. Er war einst der Vorgesetzte ihres im Krieg gefallenen Mannes, doch nun verweigert er ihr die benötigten Papiere, damit sie die Kriegswitwenrente beantragen kann. So beginnt das Drama „Ich werde nicht schweigen“ am Freitag (20.15 Uhr) auf 3sat. Es ist im Jahr 2017 erstmals ausgestrahlt worden.

Als Margarete auf dem Amt außer sich gerät und dabei ungewollt eine Glastüre einschlägt, wird sie von Ahrens sofort in die Heil- und Pflegeanstalt im nahegelegenen Ort Wehnen eingewiesen, mit der Diagnose Schizophrenie. Dort wird sie für ein Jahr weggesperrt und einer üblen Behandlung unterzogen. Ihre Kinder kommen zu ihrer Schwester Erna (Petra Zieser) aufs Land.

Nach ihrer Rückkehr gerät sie unter die Vormundschaft ihres Nachbarn und Ex-SS-Mannes Windhorst (Martin Wuttke) und kämpft darum, ihre Kinder wiederzubekommen – und dafür, dass ihre Entmündigung aufgehoben wird. Eines Tages lernt sie in einem Café die junge Antje (Janina Fautz) kennen, deren Mutter in der Psychiatrie gestorben ist. Gemeinsam kommen sie ungeheuerlichen Vorkommnissen auf die Spur, und Herr Ahrens entpuppt sich als Nazi der reinsten Sorte, der immer noch Gott spielen will.

Rudolf Kowalski spielt diesen Mann sehr überzeugend als einen Unbelehrbaren, wie es sie nach dem Krieg noch viele und für lange Zeit in bedeutenden Positionen in Ärzteschaft und Justiz gegeben hat. Der Film wird aber vor allem von der Hauptdarstellerin Nadja Uhl als mutige und unerschrockene Mutter getragen.

Regisseurin Esther Gronenborn erzählt hier die Geschichte ihrer eigenen Großmutter. Eine sorgfältige Ausstattung trägt zur glaubwürdigen Atmosphäre bei – allein die Villa des Ehepaares Ahrens sieht ein wenig zu renoviert aus für das Jahr 1948. Gelungen ist auch die wunderbare Jazz-Musik des Soundtracks.

Das Thema Schizophrenie wird nachvollziehbar erzählt – mit Hilfe von Rückblenden, die den Zuschauer sicher nicht unberührt lassen, werden die unfassbaren Methoden verdeutlicht, mit denen damals vorgegangen wurde. Erst 1996 kam die ganze Wahrheit ans Licht: In Wehnen wurde Hunger-Euthanasie betrieben. Mangelnde Pflege, körperliche Gewalt, auch mit Elektroschocks, und Nahrungsentzug kosteten über 1500 Patienten das Leben. Ärzte und Pfleger wurden für Ihre verbrecherischen Taten bestraft.