Weniger Trash, mehr Politik: Was steckt hinter dem Trend im Privatfernsehen?

Jan Hofer mit Studiogast Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin von Bündnis90/Die Grünen, 2021
Jan Hofer mit Studiogast Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin von Bündnis90/Die Grünen, 2021

Foto: TVNOW / Markus Nass

05.09.2021 20:00 Uhr

Politik und Nachrichten im Fernsehen war eigentlich immer Kernkompetenz der Öffentlich-Rechtlichen. Bis jetzt! Denn inzwischen rüsten die Privatsender auf - und zeigen sich vermehrt politisch, engagiert und newslastig. So geben sich neuerdings Polit-Promis wie Annalena Baerbock und Nachrichtensprecher Jan Hofer die Ehre bei den Privaten. Was steckt hinter der Politisierung der Privaten? Und was sagen ARD und ZDF dazu?

ProSieben feierte am Mittwoch mit der „Bundestagswahl-Show“ eine neue, politische Sendung. Zum Auftakt marschierte Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wie ein Rockstar auf die Bühne und begann auch sogleich davon zu erzählen, wie entspannt sie mit dem Wahlkampf-Team im Tourbus abhängen würde.

Dann plauderte sie mit Moderator Louis Klamroth noch ein bisschen über den Bahnstreik und appellierte an alle Abiturientinnen da draußen: Ich bin eine von euch! Ein Versuch, die jungen Zuschauer zu erreichen und Wähler jenseits der verstaubten Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen für sich zu gewinnen. Und die neue Strategie der Privatsender, endlich den letzten Rest unseriösen Anstrich hinter sich zu lassen.

Politik wird plötzlich privat

IMAGO / Chris Emil Janßen

Dank Joko & Klaas ein neues Motto im Privat-TV: #Nichtselbstverständlich

Die neue Strategie, gesellschaftskritische und relevante Themen für ein jüngeres Publikum interessant zu gestalten, zeichnete sich bei dem Privatsender bereits im März ab. Als Teil der beliebten Show „Joko & Klaas LIVE“ strahlte ProSieben eine Sondersendung unter dem Titel „#Nichtselbstverständlich“ aus, in der es um den Pflegenotstand im Gesundheitssystem in Deutschland ging. Die Strategie ging auf, die Show wurde von über 730.000 Menschen gesehen, die meisten von ihnen waren Jugendliche. Kein Wunder, dass nun auch andere Privatsender auf den politischen News-Zug aufspringen.

Tagesschau-Ikone Jan Hofer tanzt bei RTL in die News

Doch auch RTL geht neue Wege und bereitet mit einer Info-Offensive seiner neuen Strategie „RTL United“ den Boden. Dass Ziel: Seriosität und Relevanz. Die Marken der Sendergruppe RTL sollen künftig positiv besetzt werden. Das wird ab Herbst letzlich auch mit einem modernisierten Senderlogo manifestiert.

„Der Wert von Informationen wird vom Publikum enorm geschätzt,
das hat vor allem die Pandemie offenbart.“
(Meedia)

Bereits im April tanzte Ex-Tagesschau-Sprecher Jan Hofer bei RTL übers private TV-Parkett und kam beim „Let’s Dance“-Publikum prompt so gut an, dass der Sender ihm direkt seine eigene Sendung anbot. Glück gehabt, schließlich mussten sich das ARD-Urgestein und Tanzpartnerin Christina Luft nach der siebten Show verabschieden und den Dancefloor verlassen.

Seit dem 16. August moderiert die Nachrichten-Ikone nun „RTL Direkt“, ein neues News-Programm, durch das er ab Herbst gemeinsam mit seiner ehemaligen TV-Kollegin Pinar Atalay führen wird. RTL wirbt damit nicht nur die bekanntesten Moderatoren der öffentlich-rechtlichen Sender ab, sondern sorgt mit der jungen, dynamischen Nachrichten-Schau auch für frischen politischen Wind im privaten Fernsehen.

Weniger Trash, mehr Politik: Was steckt hinter dem Trend im Privatfernsehen?

Foto: TVNOW / Jörg Carstensen

Public Value: Der Grund für die Politisierung der Privaten

Und dieser Wind bringt Vorteile an vielen Fronten. Denn: Seit November 2020 ist der Medienstaatsvertrag in Kraft. Dieser regelt fast alles in der digitalen Welt. Und: Er verspricht Sendern, Presseerzeugnissen, Videoplattformen oder Apps eine bessere bevorzugte Platzierung und bessere Auffindbarkeit in der weiten Welt der Medien, wenn diese Public Value bieten, also einen Wert für die Gesellschaft. Dass dieser Public Value wohl weder mit den Wollnys – noch mit dem Dschungelcamp erfüllt wird, dürfte klar sein.

Denn seit jeher liegt das Kerngeschäft für Relevanz in Nachrichten und Polit-Sendungen, Reportagen, pädagogisch wertvollen Jugendprogrammen und ähnlichen Inhalten. Und so wundert es kaum, dass die Privaten immer mehr grenzwertige Trash-Formate zensieren oder gleich beerdigen – und ab sofort lieber auf Regenbogenflaggen und Inklusion setzen.

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Ernste Konkurrenz für die Öffentlich-Rechtlichen

Bei RTL News sitzen inzwischen über 700 Journalistinnen und Journalistinnen an 24 Standorten. Und auch die ProSieben-Gruppe will eine zentrale News-Redaktion mit 60 Mitarbeitern aufbauen.

Public Value ist also quasi die neue Kryptowährung der Medienwelt. Kein Wunder, dass die Privaten einen Vorstoß in Richtung Relevanz starten. Wie erfolgreich sie sein werden – und was alles getan werden muss, um das Prädikat Public Value wirklich zu verdienen, wird sich zeigen. Die Weichen sind gestellt und erste Züge ins Rennen geschickt.

Und wie gefällt das den großen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten etwa in München und Mainz? Sicher ist: ARD und ZDF sind durch das Bestreben der Privaten nach mehr Relevanz nicht mehr alleine, wenn es um die Achse des Guten in Sachen TV geht. (JH)