26.10.2020 12:34 Uhr

37°: Schatten im Gleis – Wenn Lokführer sich schuldig fühlen

Volker Schmidt-Sondermann/ZDF/dpa

Suizid im Gleis ist ein gesellschaftliches Tabuthema. Etwa 700 Menschen lassen sich in Deutschland jedes Jahr von einem Zug überfahren – für die Lokführer eine enorme psychische Belastung. Manche von ihnen geben ihren Beruf auf. Die Statistik zeigt: Nahezu jeder Lokführer erlebt im Laufe seines Berufslebens mindestens einmal einen Schienensuizid.

In der ZDF-Reportage „Schatten im Gleis – Wenn Lokführer sich schuldig fühlen“ aus der Reihe „37 Grad“ kommen Betroffene zu Wort. Zu sehen ist die Sendung am Dienstag (27.10.) um 22.15 Uhr.

Wolfgang aus Brandenburg geht auf Gleise zu und sagt: „An diesem Ort habe ich einen Menschen getötet. Als Lokführer.“ Als es ihm zum fünften Mal passiert, dass sich ein Mensch vor seinen Zug wirft, kann er nicht mehr. Die Bilder lassen ihn nicht mehr los. Freunde bemerken, wie sich Wolfgang immer mehr abkapselt.

Es sei nicht üblich, über Gefühle zu sprechen, sagt Wolfgang. Schließlich zieht er die Reißleine und sucht sich professionelle Hilfe. In einer Fachklinik am Chiemsee in Bayern macht er eine Therapie. Gespräche mit dem Arzt und Sport helfen ihm, sich aus der Spirale aus Schuldgefühlen und Selbstzweifeln zu lösen. Er kehrt in seinen Beruf zurück – und ermutigt seinen Kollegen Stefan.

Dieser hat ebenfalls mehrere Schienensuizide erfahren, aber sich an keine Therapie herangetraut. Schließlich wolle man ja nicht als „Weichei“ dastehen, sagt er. Wolfgangs Beispiel habe ihm gezeigt, dass es nicht schlimm sei, sich Hilfe zu suchen.

Sören aus Hamburg ist erst seit einem Jahr Lokführer, als er den gefürchteten Schatten im Gleis sieht. Es ist ein junges Mädchen. Sören versucht zu bremsen. „Dann habe ich die Augen zugemacht und auf den Knall gewartet“, sagt er. Auch er wird die Bilder nicht los, geht gar zur Trauerfeier für das Mädchen.

Neben Schuldgefühlen beschäftigt ihn auch das uneinsichtige Verhalten vieler Reisender im Zug. Die hätten oft gar kein Verständnis, wenn die Bahn nach einem Suizid zunächst nicht weiterfährt und es zu Verspätungen kommt.

Das Thema ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Was auch daran liegt, dass sich die Medien freiwillig dazu verpflichtet haben, in der Regel nicht über Schienensuizide zu berichten – um Nachahmereffekte zu vermeiden. Damit bleibt auch das Leid der Lokführer im Verborgenen.

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