Arte-Doku: Pack den Tiger in den „Top Gun“-Tank

Ben Burtt, US-amerikanischer Tontechniker, mit alten Aufnahmegeräten .

Dogwoof Ltd./ARTE France/dpa

10.02.2021 09:58 Uhr

Ein Schlüsselbund hat in Hollywood eine ganze Römerlegion zum Klirren gebracht. Was Zuschauer in „Making Waves: The Art of Cinematic Sound“ erfahren, ist an jeder Stelle überraschend. Nicht nur für Filmfans.

Abermillionen Menschen haben die „Star Wars“-Filme gesehen. Die meisten von ihnen dürften das Gebrüll des zotteligen Wookies Chewbacca – mal zornig, mal fröhlich – noch im Ohr haben.

Das Grölen der riesigen Gestalt wirkt aus gutem Grund befremdlich: Es stammt weder von einem Menschen noch aus einem Computer. Auf der Suche nach dem perfekten Geräusch ist der Sounddesigner Ben Burtt in den 70ern mit einem tragbaren Tonbandgerät in den Zoo von Long Beach gegangen. Dort nahm er unter anderem ein Walross auf, das wegen einer Beckenreinigung schlecht gelaunt auf dem Trockenen saß und maulte.

„Und dann gab es da diesen jungen Bären namens Pooh. Da war sein Geräusch, wenn er Brot bekam. Er liebte Brot“, erinnert sich Burtt in der herausragenden Doku „Making Waves: The Art of Cinematic Sound“, die am Freitag um 21.55 Uhr auf Arte läuft. Am Ende vermengte er die Klänge. Auch Löwen und Dachse flossen in Chewbaccas Stimme mit ein.

Die amerikanische Dokumentarfilmerin Midge Costin hat sich mit vielen Menschen unterhalten, die abseits des Rampenlichts in dunklen Kammern den Sound erarbeiten, der einen Film erst zum Sinneserlebnis macht. „Ich war immer der Ansicht: Unsere Ohren leiten unsere Augen“, sagt Erfolgsproduzent Steven Spielberg. Für die ersten 25 Minuten des Kriegsfilms „Der Soldat James Ryan“ (1998) verbrachten Spielberg und seine Crew viele Wochen nur mit den Geräuschen der Schlacht um die Normandie: dem Kugelhagel, dem Pfeifen der Projektile neben dem Ohr – und der tiefen Stille kurz vor der Detonation einer Handgranate. Ein Tunnelblick der Kamera schränkt zugleich die Perspektive völlig ein.

Dass das Gehörte häufig nicht exakt das ist, was man sieht, machen viele Beispiele deutlich: Der Horrorfilm „King Kong und die weiße Frau“, der 1933 die westliche Welt erschütterte, profitierte wesentlich von der Arbeit des Soundpioniers Murray Spivack. Dieser nahm in einem Zoo Tiger-Geräusche auf und spielte sie rückwärts ab – schon hatte er die markerschütternde Stimme eines Dinosauriers.

Geräusche von Raubkatzen stecken übrigens auch in den fauchenden Triebwerkgeräuschen der Düsenjäger aus dem Pilotendrama „Top Gun“ mit Tom Cruise aus dem Jahr 1986. Tonexpertin Cecelia Hall fand echte Turbinen zu langweilig. Der Sound brachte ihr eine Oscar-Nominierung ein. In Stanley Kubricks Monumentalfilm „Spartacus“ (1960) nutzte ein Sounddesigner einen Schlüsselbund fürs satte Scheppern der Rüstungen.

„Making Waves“ begleitet die Größen des Sounddesigns, darunter die mehrfachen Oscar-Preisträger Walter Murch („Apocalypse Now“) und Gary Rydstrom („Der Soldat James Ryan“). Starregisseure wie George Lucas, David Lynch, Barbra Streisand, Ang Lee, Christopher Nolan, Sofia Coppola und Ryan Coogler geben Einblicke. Sie erläutern die Technik und was sie im Kopf auslöst. Und immer wieder ergeben sich überraschende Erkenntnisse. Wer hätte einen Mafiamord aus dem Drama „Der Pate“ (1972) schon mit den ersten Geräusch-Experimenten von John Cage in Verbindung gebracht? Komponist Hans Zimmer bringt den besten Effekt auf den Punkt: „Erst muss das Herz kommen, die Vernunft folgt schon.“

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