Berliner „Tatort“ mit Mietendeckel und kalter Sanierung

Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) in einer Notunterkunft für Menschen, die zwangsgeräumt wurden.
Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) in einer Notunterkunft für Menschen, die zwangsgeräumt wurden.

Gordon Muehle/rbb/ARD/dpa

02.06.2021 15:17 Uhr

Wie weit geht ein Mensch, um ein Dach für sich und seine Familie zu behalten? Der Sonntagskrimi „Die dritte Haut“ erkundet den Wohnungsmarkt der Hauptstadt.

Raffgierige Vermieter, skrupellose Spekulanten, Wohnungselend und Nötigung – ein Krimi lässt sich aus diesem Stoff immer stricken. Es war wohl eine Frage der Zeit, bis auch der ARD-„Tatort“ den umkämpften Berliner Wohnungsmarkt aufgreift.

Wenn an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im Ersten die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) im Immobiliensektor der Hauptstadt ermitteln, sollten die Zuschauer besser mit Feinheiten von Zweckentfremdungsgesetz, Mietendeckel und kalter Sanierung Bescheid wissen. Die Begriffe kommen in der Folge „Die dritte Haut“ vor und helfen zu verstehen, warum die Figuren so handeln, wie sie handeln.

Als Nina Rubin und Robert Karow morgens aus dem Bett geklingelt werden, liegt Cem Ceylan (Murat Dikenci) als Leiche vor einem Mietshaus im Wedding. Der Junior einer Immobilienfirma ist vom vierten Stock auf den Gehsteig gestürzt. War es ein Suizid, ein Unfall oder eine Bluttat? Für die Ermittlungen muss das Ermittler-Duo schnell in die Abgründe des Berliner Wohnungsmarktes eintauchen, auf dem immer mehr Menschen um eine bezahlbare Bleibe kämpfen.

Zu ihnen gehört Otto Wagner (Peter René Lüdicke). Einen Tag vor seinem Tod hat Immobilienhai Ceylan die Wagners aus ihrer Wohnung in einem Mietshaus im Wedding herausgedrängt. Das Gebäude wird Stück für Stück saniert, Wagner kann sich die Miete nicht mehr leisten. Ceylans Spezi Axel Schmiedtchen (Ingo Hülsmann) vertreibt die Mieter mit seiner Umzugsfirma aus ihren vier Wänden. Busfahrer Wagner und seine Frau kommen im Obdachlosenheim unter. Wo aber war Wagner in der Nacht, als Ceylan über die Balkonbrüstung stürzte?

Auch andere Mieter werden mit den Methoden der Ceylan Immobilien konfrontiert. Die Familie Malovcic bekommt Nachwuchs, Frau Kirschner (Friederike Frerichs) lebt schon fast 60 Jahre im Haus, Jenny Nowack (Berit Künnecke) erzieht ihre Kinder allein. Der Vater taucht nach Jahren wieder auf, will die Beziehung fortsetzen, Nowack will nichts von ihm wissen. Oder doch?

Und welche Rolle spielt Dries Vandenbroucke (Tijmen Govaerts), der freischaffende Journalist, der mit seiner Initiative „Mietrebellen“ für bezahlbaren Wohnraum kämpft? Er verheddert sich in Widersprüche und kann seine Einkommensverhältnisse nicht erklären.

Hinter den Machenschaften steht Gülay Ceylan (Özay Fecht), die das Familienunternehmen leitet und die nun den Tod ihres Sohnes verkraften muss. Ihre Tochter Yeliz Dahlmann (Sesede Terziyan) hat eine Ahnung, was hinter dem Tod stehen könnte. Als sich die Ermittlungen gegen ihren Mann Thomas Dahlmann (Florian Anderer) richten, ist sie bereit, auszupacken.

„Wer in Berlin wohnt, kommt um das Thema Mieten gar nicht herum“, sagt Drehbuchautorin Katrin Bühlig. Sie habe angesichts der Lage erkannt, dass der Mietkampf auch ein „Tatort“-Thema sein könnte, und spitzt die Lage auf die Frage zu: „Würden wir für eine bezahlbare Wohnung jemanden töten?“

Mit der neuen Episode gelingt Regisseur Norbert ter Hall und Kameramann Richard van Oosterhout eine dichte Milieustudie über den Kampf auf dem Wohnungsmarkt – freilich nicht ohne den „Tatort“-typischen erhobenen Zeigefinger. Doch fast dokumentarisch webt der Film Szenen zur Not obdachloser Menschen ein, zeigt sie vor der Armenküche oder beim Betteln in der U-Bahn. Berliner Verhältnisse.