12.11.2020 15:34 Uhr

Cold War – Der Breitengrad der Liebe

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs reist ein Komponist durch das stalinistische Polen. Er sucht Sängerinnen und Tänzerinnen mit Talent. Der Beginn einer großen Liebe im hoch politischen Umfeld.

Diaphana Productions/Arte

Das staatliche „Mazowsze“-Ensemble ist eine Musik- und Tanzgruppe, die die polnische Tradition der Volksmusik und des Volkstanzes pflegt. Gegründet 1948, sollte die Gruppe zunächst das folkloristische Erbe der Region von Masowien (Zentralpolen) pflegen. Die Gründer hatten ein aufrichtiges Interesse an den Traditionen der Musik.

Doch „Mazowsze“ wurde durch ein Dekret des Kulturministeriums ins Leben gerufen und war von Beginn an politisch instrumentalisiert. Die Musik war nie nur schön, sondern auch patriotisch und staatserhaltend im Sinne der kommunistischen Volksrepublik Polen.

Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski hat sich in seinem Drama „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ (2018) diesem Musikensemble gewidmet und drumherum eine große Liebesgeschichte gestrickt. Beim Festival in Cannes hat der Oscar-Preisträger dafür den Preis für die beste Regie gewonnen. Am Montag (20.15 Uhr) läuft der Film auf Arte.

Die Zuschauer können in „Cold War“, der in wunderbarem Schwarz-Weiß gedreht wurde, die Liebesgeschichte der Sängerin Zula (Joanna Kulig) und des Komponisten Wiktor (Tomasz Kot) miterleben. Es ist das Porträt eines Paares, dessen Liebe vor dem Hintergrund des Kalten Krieges über 15 Jahre hinweg erst heftig aufflammt, dann zerbricht, wieder aufflammt, wieder zerbricht – und dabei immer intensiver wird.

Sie lernen sich Ende der 1940er Jahre kennen. Durch Politik (die Schwierigkeiten, in einem totalitären Regime zu leben) auf der einen und Privatem (Eifersucht und fremde Liebschaften) auf der anderen Seite wird ihre Liebe immer wieder auf die Probe gestellt. Joana Kulig und Tomasz Kot dabei zuzusehen, wie sie sich an dieser schwierigen Liebe zerreiben, ist mitreißend.

Das verbindende Moment ihrer Liebe ist die Musik. Wiktors Begeisterung für Zula entzündet sich in dem Moment, in dem sie für das im Film „Mazurek“ genannte Folklore-Ensemble vorsingt. Als Wiktor später eine Melodie auf dem Klavier spielt, damit Zula sie singt, ist es „I Loves You, Porgy“ von George Gershwin. Nicht gerade Liedgut, das in das „Mazurek“-Repertoire passen würde. Wiktor war im Westen – und will dorthin zurück.

Als Zula ihm nach Jahren ohne Kontakt nach Paris folgt, nehmen sie gemeinsam eine Platte auf. Die polnischen Folkloresongs werden dafür ins Französische übersetzt. Das Album sei ein „Bastard“, urteilt Zula abschätzig und verschwindet kurz darauf aus Paris.

Wenig später sitzt Wiktor in einem Pariser Club am Klavier und improvisiert mit ein paar Jazz-Kollegen. Anfangs flattern die Finger noch so über die Tasten. Doch innerhalb weniger Sekunden verliert er die Kontrolle, zerfransen die Takte, bis Wiktor nur noch willkürliche Töne ins Klavier haut. Die Kamera dreht sich währenddessen um sein Gesicht, das anfangs verbissen ist, irgendwann von Tränen aufgeweicht. Eine starke Einstellung, die viel erzählt über die Protagonisten, die immer zwischen Ekstase und Freiheit auf der einen, Eingeschlossensein und Kontrollverlust auf der anderen schwanken.

Es gibt viele Aspekte, die diesen Film so eindrücklich machen: die großen Schauspieler, die sorgsam arrangierten Bilder, die Musik. Der historische Kontext verleiht „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ zudem eine Dringlichkeit, die bis ins Heute wirkt. Polens aktuelle Regierung fährt wieder eine strikte Politik gegen alternative Kulturinstitutionen, Künstler und Medien. Mutige und kritische Geschichten drohen darin zu ersticken – es braucht Menschen wie Pawlikowski, die sie erzählen.

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