05.07.2020 17:29 Uhr

Der Galapagos-Krimi: Der mysteriöse Tod deutscher Aussteiger

Der Traum deutscher Auswanderer von einem naturverbundenen Leben auf einer unbewohnten Insel verwandelt sich in eine Hölle, die sie selbst geschaffen haben. Eine packende ZDF-Doku rekonstruiert die tödlichen Ereignisse auf den Galapagosinseln in den 1930er Jahren.

Die Baronin Wagner und ihre Liebhaber. © ZDF/Jürgen Stumpfhaus

Auswandern auf eine tropische Insel, im Einklang leben mit der Natur: Viele Menschen träumen davon. Ende der 1920er Jahre verwirklicht sich ein deutsches Ehepaar diesen Traum.

Auf der Suche nach einem Leben frei von Zwängen und Konventionen lassen sich der Berliner Zahnarzt Dr. Friedrich Ritter und seine Lebensgefährtin Dore Strauch auf der unbewohnten Galapagosinsel Floreana nieder. Andere Auswanderer folgen ihnen. Doch das Paradies wird für sie zur Hölle, die sie sich selbst geschaffen haben.

Der Galapagos-Krimi: Der mysteriöse Tod deutscher Aussteiger

Die Baronin Wagner empfängt Besucher im Boudoir ihrer Hacienda 1934. © ZDF/Jürgen Stumpfhaus

Die Doku „Der Galapagos-Krimi – Ein Drama unter deutschen Aussteigern“ am heutigen Sonntag um 19.30 Uhr im ZDF entführt die Zuschauer an einen der schönsten Fleckchen Erde, an dem sich allerdings Grausiges zugetragen haben soll. Mitte der 1930er Jahre kam es auf der Insel zu Vorfällen, die ein weltweites Medienecho zur Folge hatten…

Mit einer unbewohnten Insel fängt es an

Von den acht Personen, die auf der Insel lebten, wurden damals zwei seit Monaten vermisst. Zwei weitere starben unter mysteriösen Umständen. Die Überlebenden bezichtigten sich gegenseitig des Mordes. Der Film erzählt die Geschichte der deutschen Auswanderer, die von einem Leben frei von den Zwängen bürgerlicher Konventionen träumten und zu Gefangenen einer Hölle wurden, die sie selbst geschaffen hatten.

Der Galapagos-Krimi: Der mysteriöse Tod deutscher Aussteiger

Dore Strauch und Dr. Friedrich Ritter an Bord der Yacht ihres Mäzens 1932. © ZDF/Jürgen Stumpfhaus

Den Anfang machten der Berliner Zahnarzt Dr. Ritter und seine Lebensgefährtin Dore Strauch. Sie teilten die zivilisationskritischen Ideen der Epoche und wollten dem als krankmachend empfundenen Dickicht der Städte entfliehen. Im Oktober 1929, auf dem Höhepunkt des New Yorker Börsencrashs, kamen sie auf der kleinen unbewohnten Insel Floreana an und begannen, sich unter großen körperlichen Strapazen auf dem kargen Eiland einzurichten.

Eloise Wagner, die Mysteriöse

Inspiriert durch Zeitungsartikel Ritters landete etwa zwei Jahre später auch das Kölner Ehepaar Wittmer auf der Insel, das sich vor allem einen positiven Einfluss auf die Gesundheit ihres behinderten Sohnes erhoffte. Die pragmatischen Wittmers gerieten bald in Konflikt mit Ritter, der die Führerschaft der kleinen Gemeinschaft beanspruchte. Trotzdem arrangierte man sich.

Als sich allerdings kurz darauf eine mysteriöse Dame, die sich Eloise Wagner de Bousquet nannte, mit ihren beiden jüngeren Liebhabern auf der Insel einfand, geriet der labile Frieden zwischen den Parteien ins Wanken. Die angebliche Baroness beabsichtigte, ein Nobelhotel auf der Insel zu errichten, und spielte sich von Anfang an als Herrscherin über die Insel auf. Wer die offensichtliche Hochstaplerin tatsächlich war, bleibt im Dunkeln. Angeblich stammte sie aus einem österreichischen Adelsgeschlecht und hatte in Konstantinopel als Tänzerin gearbeitet.

Das dreiste und aggressive Auftreten der „Baronin“ vergiftete die Atmosphäre auf der Insel zusehends. Sie lief bewaffnet herum und verletzte sogar Besucher der Insel, die ihr nicht passten, durch Schüsse. Hinzu kam, dass während der Trockenzeit die einzige Quelle der Insel zu versiegen drohte, und die „Baronin“ das verbliebene Wasser für sich beanspruchte.

Der Galapagos-Krimi: Der mysteriöse Tod deutscher Aussteiger

Dr. Friedrich Ritter will als veganer Robinson die Welt verbessern. © ZDF/Jürgen Stumpfhaus

Am 26. März 1934 kündigte sie den Wittmers angeblich an, mit einem ihrer Liebhaber auf einer Touristenjacht die Insel zu verlassen. Seit diesem Tag fehlt von den beiden jede Spur. Wurden die Hochstaplerin und ihr Begleiter in Wirklichkeit von den Wittmers ermordet, wie Dore Strauch später behauptete? Der andere Liebhaber, mit dem sich die „Baronin“ schon vorher überworfen hatte, machte sich mit einem Fischer auf den Weg zum Festland, wo er eine Schiffspassage nach Europa zu finden hoffte. Monate später entdeckte man seine Leiche auf der unbewohnten Insel Marchena.

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Rätselhafte Tode

Auch Friedrich Ritter, der Visionär und Lebensreformer, starb unter mysteriösen Umständen. Nach Aussage seiner Lebensgefährtin Dore wurde dem Vegetarier verdorbenes Hühnerfleisch zum Verhängnis. Die Wittmers hingegen berichteten, dass er noch im Todeskampf seine einstige Geliebte verflucht habe. Dies nährt den Verdacht, dass er von Dore vergiftet worden war, die er mehr und mehr gedemütigt hatte. 1935 verließ sie Floreana für immer. Nur die Wittmers blieben. Margret Wittmer brachte zwei Kinder auf der Insel zur Welt. Und noch heute betreiben ihre Nachkommen dort ein kleines Hotel.

Der damals schon weltberühmte Schriftsteller Georges Simenon, Schöpfer des „Kommissar Maigret“, fuhr im Januar 1935 im Auftrag einer Pariser Zeitung zu den Galapagosinseln, um Licht ins Dunkel der rätselhaften Ereignisse zu bringen. Mithilfe seiner Texte sowie der Lebenserinnerungen von Dore Strauch und der Auswanderin Margret Wittmer und einer Vielzahl von Fotos und Filmaufnahmen, die ein US-Milliardär von den historischen Protagonisten herstellte, rekonstruiert der knapp 45-minütige Film die damaligen Ereignisse.

Originalaufnahmen mit Gänsehaut

Was die Doku von Jürgen Stumpfhaus aus der Reihe „Terra X“ so packend macht, ist das Wechselspiel von Traum und Wirklichkeit: Auf der einen Seite sind beeindruckende Natur- und Landschaftsaufnahmen zu sehen, die die Sehnsucht der Auswanderer nach Idylle, Harmonie und einem Leben im Einklang mit der Natur greifbar machen. Auf der anderen Seite zeigt die Doku die Brutalität der Wildnis und die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen – und bedient sich dafür zahlreicher Originalaufnahmen, die Gänsehaut auslösen.

„Der Galapagos-Krimi“ ist eine kurzweilige und spannende Doku, die von Menschen erzählt, die ihren Träumen folgten und dabei die bittere Erfahrung machen mussten, dass man ein Paradies in etwas Böses verwandeln kann. (Magdalena Tröndle, dpa/KT)

© dpa-infocom, dpa:200701-99-633411/2

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