„Die Macht der sanften Berührung“ bei Arte

Berührungen prägen unser ganzes Leben. Sie machen uns zu sozialen Wesen und beeinflussen, wie wir Stress oder Schmerzen wahrnehmen.
Berührungen prägen unser ganzes Leben. Sie machen uns zu sozialen Wesen und beeinflussen, wie wir Stress oder Schmerzen wahrnehmen.

Uli Deck/dpa

02.03.2021 10:22 Uhr

Arte widmet sich einer Rarität in diesen Tagen: Berührungen. Eine ganze Themenwoche spürt dem Phänomen nach. Ein Teil davon ist eine Dokumentation über den Stand der Forschung zu dem Thema mit spannenden Einblicken. Und aktueller könnte der Beitrag nicht sein.

Streicheln kann ganz unterschiedliche Absichten und Folgen haben: Mal steigert es die Lust, mal spendet es Trost. Schon unmittelbar nach der Geburt brauchen Babys Berührungen, sie stärken die Bindung zwischen Kind und Eltern.

Menschen sind Beziehungswesen, die Zugehörigkeit wird über Berührungen vermittelt. Berührung kann aber auch Macht ausdrücken und Gewalt bedeuten, beängstigen und bedrohen. In Bruchteilen von Sekunden melden Rezeptoren, um welche Art von Berührung es sich handelt. So banal das klingen mag, so vergleichsweise jung sind manche Forschungen auf diesem Gebiet.

Die Dokumentation „Die Macht der sanften Berührung“ des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte spürt ihnen am Mittwochabend (21.40 Uhr) nach. In gut 50 Minuten bringt Regisseurin Dorothee Kaden die Zuschauer auf den neuesten Stand der Wissenschaft.

Das Thema könnte aktueller kaum sein: In Zeiten von Corona, in denen Kontakte eingeschränkt werden sollen, schwinden auch die Berührungen – noch stärker als durch den Trend zur Digitalisierung ohnehin schon. Ohne Berührungen beginne die Suche nach Ersatz, um eine Art Belohnungsgefühl zu bekommen, heißt es in der Doku. Das bedeutet zum Beispiel: mehr Süßes essen, mehr Alkohol trinken, mehr rauchen. Sterben gar Menschen aus Einsamkeit, mangels Berührungen?

Kaden und ihr Team haben internationale Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach ihren Einschätzungen gefragt. Corona könnte sich auf Beziehungen in Zukunft auswirken, meint Rochelle Ackerley von der Universität Aix-Marseille. „Es ist wichtig, sich regelmäßig berühren zu lassen.“ Der Berührungssinn sollte aktiv gehalten werden.

Wichtig sei der reale Mensch, sagt Psychologe Martin Grunwald von der Universität Leipzig. Jetzt merkten wir: Videotelefonie kann Berührung nicht ersetzen. Der Film geht aber auch auf neueste Entwicklungen ein: So versuchen Forscher, mit Hilfe einer künstlichen Haut und Sensoren Berührungen auch über Distanz möglich zu machen.

Der Beitrag ist Teil einer ganzen Themenwoche, in der Arte sich seit Sonntag dem Thema Berührungen widmet – etwas, „was vielen fehlt in diesen langen Monaten des Ausnahmezustands“, schreibt der Sender. „Ob spontane Umarmungen oder flüchtige Wangenküsse – fast über Nacht sind die Gesten von Nähe und Zärtlichkeit aus unserem Alltag verschwunden. Ein permanenter Slalom des Ausweichens, der Kontaktvermeidung und des aseptischen Abstand Haltens bestimmen die Begegnungen im öffentlichen Raum, bis tief hinein in die Privatsphäre. Wie sehr uns das fehlt?“

In der Dokumentation gibt Kaden einen Einblick in verschiedene Aspekte der Forschung. Sie zeigt Versuche, wie man Aussagen über Berührungen ausdrücken und – richtig – deuten kann, Aufzeichnungen der Hirnaktivität während einer Massage und Experimente mit einem Streichelroboter, bei denen es auf die passende Temperatur ankommt. Mit schönen Illustrationen werden etwa neurologische Abläufe dargestellt. Schwarz-Weiß-Bilder von Affen gehen auf historische Versuche ein: Tiere, die ohne viel Kontakt gehalten wurden, starben oft jung. Überlebende zeigten häufig schwerwiegende Folgen.

Bei Menschen sehe man ebenfalls Jahre später Unterschiede zwischen jenen, die als Babys viele Berührungen erlebten, und denen, die diese Erfahrungen nicht machten, erklärt Rebecca Böhme vom Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften in Linköping (Schweden). Überhaupt sind Berührungen wichtig für die Entwicklung des Gehirns.

Wie nuancenreich Berührungen sind, wisse man erst seit kurzer Zeit, erklärt die Sprecherin im Film. Inzwischen konzentriert sich die Forschung auch nicht mehr nur auf das Gehirn, sondern nimmt zum Beispiel auch das Rückenmark unter die Lupe. Erst Ende der 2000er Jahre seien ganz spezielle Nervenfasern entdeckt worden.

Interessant ist für Laien bei den Erläuterungen auch, was sich unterbewusst abspielt. Was Menschen beispielsweise tun, um schlagartig Stress zu lindern. Der eine oder andere könnte sich ertappt fühlen oder gleich mal manchen Effekt ausprobieren. Doch auch darauf geht die Doku ein: Warum es einen Unterschied machen kann, ob man sich selbst berührt oder von anderen berührt wird.