Sonntag, 15. Dezember 2019 18:53 Uhr

Filmkritik Tatort „Borowski und das Haus am Meer“: Düstere Stimmung

© NDR/Felix Althaus

Der Großvater war NS-Kriegsverbrecher, der Vater radikaler Reformpädagoge, der Sohn ist überzeugter Pastor: Der „Tatort„-Krimi „Borowski und das Haus am Meer“ zeigt, wie Ideologien oder Religion Menschen trotz guter Vorsätze entmenschlichen können.

Der Tote war in den 1970er Jahren ein radikaler Reformpädagoge gewesen. Dann wurde er dement und durfte zuletzt im Pfarrhaus seines Sohnes leben. Des Sohnes, den er immer abgelehnt hat. Irgendjemand hat den ruppigen Alten, der nachts in einem Wald am Ostseestrand zu Boden kommt, mit dem Gesicht unter Wasser gedrückt – bis er ertrunken ist.

© NDR/Felix Althaus

Geduldsprobe für Zuschauer

Was der Kieler „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Assistentin Mila Sahin (Almila Bagriacik) im Zuge der Ermittlungen aufklären, ist weit mehr als ein Mordfall. Schicht um Schicht werden die tragischen Schicksale der Beteiligten freigelegt und tiefe Einblicke in menschliche Abgründe vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte gewährt.

Für den Zuschauer ist dieser NDR-Tatort, der heute um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen ist, anfangs eine Geduldsprobe – bis die Zusammenhänge deutlich werden.

„Mich hat diese Schuldkette interessiert“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein („Der Mann im Strom“, „Bis nichts mehr bleibt“) in einem Interview in der Pressemappe zum „Tatort“.

Darum geht’s

Der Vater des späteren Reformpädagogen Heinrich Flemming (bedrückend expressiv gespielt von Reiner Schöne), war ein Kriegsverbrecher. Der Sohn hat Angst vor einer genetischen Veranlagung für das unfassbare Morden der Väter in der Nazizeit und will eigentlich keine Kinder in die Welt setzen. Er lehnt zeitlebens den eigenen Sohn Johann (unheimlich gefühlskalt: Martin Lindow) ab, der Halt in extremer Gläubigkeit sucht – aber, wie Regisseur Stein betont, kaum mehr zu normalen Emotionen fähig ist – nicht zu seiner Frau, nicht zu seinem kleinen Sohn Simon.

„Sein Sohn Simon (eingeschüchtert dargestellt von Anton Peltier) leidet unter dieser Unbedingtheit im Glauben“, sagt Stein. „Am Schluss sind die Kinder die Opfer. Sie geben es weiter, und so weiter.“

Filmkritik Tatort "Borowski und das Haus am Meer": Düstere Stimmung

© NDR/Felix Althaus

Filmisch dominieren düstere Farben in Blau- und Grautönen. Regen prasselt, Sturm pfeift durch den Wald. Die intensive Musikuntermalung verstärkt die Spannung. Die Landschaft und die Ostsee prägen die Stimmung, aber ebenso die frömmelnde, stickige Atmosphäre in dem Pfarrhaus. Dazu kommt ein bisschen Mystery-Touch mit einem wolfsähnlichen Hund und einem Indianer. Was ist Traum, was Realität?

Spöttischer, leiser Humor und auch mal eine Prise Sarkasmus des inzwischen gut eingespielten Ermittler-Duos Borowski/Sahin lockern die ernste Thematik immer wieder auf. Zum Ende des Films sagt Kommissar Borowski: „Wissen Sie, was das Schreckliche an meinem Beruf ist? Dass jeder Mörder glaubt, etwas Besonderes zu sein.“ (Matthias Hoenig, dpa)

Filmkritik Tatort "Borowski und das Haus am Meer": Düstere Stimmung

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