19.12.2019 16:42 Uhr

„Lindenstraße“: Die letzte Klappe fällt – Stirbt Mutter Beimer?

Schock für Helga Beimer. © WDR/Steven Mahner,

Nach mehr als 34 Jahren ist im nächsten März Schluss mit der „Lindenstraße„. Doch für die Schauspieler endet ihre Arbeit schon jetzt. Sie sehen das Serien-Aus als Verlust für die TV-Landschaft – und blicken teils beruflich ins Ungewisse.

In den WDR-Kulissen der „Lindenstraße“ in Köln geht es trubelig zu. Schauspieler werden per Lautsprecher zur Probe gerufen, Komparsen warten aufgeregt auf ihren Einsatz. Äußerlich deutet nichts darauf hin, dass es hier sehr bald ganz still werden wird: Am Freitag (20. Dezember) enden die Dreharbeiten für die ARD-Serie. Für die Zuschauer ist dann aber noch nicht Schluss: Die letzte Folge der „Lindenstraße“ läuft Ende März 2020. (Mehr dazu weiter unten).

"Lindenstraße": Die letzte Klappe fällt - Stirbt Mutter Beimer?

Marie-Luise Marjan und Moritz Sachs. Foto: Roberto Pfeil/dpa

Die Stimmung unter den Schauspielern ist erstaunlich gelöst – obwohl viele von ihnen noch nicht wissen, wie ihre berufliche Zukunft aussehen wird. „Wir hatten ja Zeit, uns an den Gedanken zu gewöhnen“, sagt Moritz Sachs, der seit dem Start der Serie 1985 den Klaus Beimer spielt.

Vor gut einem Jahr hatte die Fernsehprogrammkonferenz der ARD sich mehrheitlich gegen eine Verlängerung des Produktionsvertrags entschieden. „Das war schon sehr emotional für mich. Da fällt ja nicht nur mein Arbeitsplatz weg. Viele der Kollegen sind meine Freunde. Wegen der ‚Lindenstraße‘ bin ich als junger Mann nicht aus Köln weggezogen.“

Sachs schreibt Buch über die „Lindenstraße“

Wenn die Dreharbeiten zu Ende sind, will Sachs zunächst sein geplantes Buch über sein Leben in der „Lindenstraße“ zu Ende schreiben. „Und dann mal sehen.“ Es sei noch nichts spruchreif. In der Vergangenheit hat er neben der Schauspielerei auch im Bereich Regieassistenz und Produktionsleitung gearbeitet. „Durch die neue Situation ergeben sich auch Chancen, die man ansonsten nicht hätte.“ Viel Ausräumen müsse er am letzten Arbeitstag nicht, sagt der 41-Jährige: Die wenigen persönlichen Gegenstände, die er in seiner Garderobe habe, passten in eine Tasche.

"Lindenstraße": Die letzte Klappe fällt - Stirbt Mutter Beimer?

Bau der „Lindenstrasse“-Kulisse 1985. © WDR/Hornung

Die Nachricht vom Ende der Serie sei ein Schock für ihn gewesen, sagt Erkan Gündüz. „Ich habe den Murat gerne gespielt.“ Immer wieder hat die Serie die Integration von Ausländern thematisiert. Murat stand dabei in einem besonderen Spannungsfeld: Auf der einen Seite der bodenständige, gut integrierte Türke mit modernen Ansichten – auf der anderen Seite seine zum Islam konvertierte Ehefrau Lisa, die traditionelle muslimische Werte hochhält. Auch persönlich werde ihm etwas fehlen: „Die ‚Lindenstraße‘ ist wirklich meine zweite Familie“, sagt Gündüz, der sich künftig mehr auf den Bereich Kameraregie konzentrieren will.

„Ich kenne kein Leben ohne die ‚Lindenstraße'“

„Ich fand es immer toll, dass die Lisa ganz anders ist als ich“, sagt Sontje Peplow über ihre Figur „Lisa“, die oft durch ihr intrigantes, fieses Verhalten für Spannung sorgte. Bis heute Kultstatus hat die Szene, in der Lisa als junges Mädchen den Priester Matthias Steinbrück mit einer Bratpfanne erschlug. Abgesehen von solchen Extremen habe die „Lindenstraße“ aber hauptsächlich Geschichten aus dem Alltag erzählt, meint Peplow – „und das wird dem Fernsehen fehlen“.

Wie es für sie persönlich ohne die „Lindenstraße“ sein wird, könne sie sich nicht vorstellen: „Ich kenne ja gar kein Leben ohne sie“, sagt die 38-Jährige, die wie Sachs seit ihrer Kindheit dabei ist.

"Lindenstraße": Die letzte Klappe fällt

Die Außenkulisse 2015. © WDR/Steven Mahner

1990 ging die „Lindenstraße“ mit dem ersten Schwulenkuss in einer deutschen Serie in die TV-Geschichte ein. Der Skandal war groß. Aber auch ansonsten griff sie unterschiedlichste gesellschaftliche Themen auf, sei es den Umgang mit Krankheit oder Behinderung, Scheidungen, Mobbing, Extremismus oder Flüchtlinge. „Die ‚Lindenstraße‘ hat Politik anfassbar gemacht“, meint Gunnar Solka (Lotti). Dank der Serie hätten aktuelle Diskussionen auch Menschen erreicht, die sich keine politischen Talkshows anschauten.

Es gäbe viele neue spannende Themen

Für Moritz Sachs ist das Aus zum jetzigen Zeitpunkt deshalb besonders bitter: „Gerade jetzt gibt es so viele Themen, die die Serie weiterhin auf bissige Weise umsetzen könnte – zum Beispiel Rechtspopulismus oder Klimaschutz.“

"Lindenstraße": Die letzte Klappe fällt

Sontje Peplow spielt Lisa Dagdelen. © WDR/Steven Mahner

Nach Ansicht von Marie-Luise Marjan (Helga Beimer) wird vielen langjährigen Zuschauern künftig ein Stück Struktur im Leben fehlen. „Für die Fans ist das furchtbar. Die sagen zu mir: Was soll ich denn jetzt sonntagabends ohne Sie machen?“ Es sei für eine Serie einzigartig, über so lange Zeit ein Publikum an sich zu binden.

Marjan will demnächst mehr Zeit für Lesungen und ihr soziales Engagement aufwenden. Sie bedaure das Ende der „Lindenstraße“, sehe das Ganze aber professionell, sagt die 79-Jährige: „Wenn eine Tür zu geht, öffnet sich eine andere.“

"Lindenstraße": Die letzte Klappe fällt - Stirbt Mutter Beimer?

Folge 1 1985: : v. l. Tochter Marion (Ina Bleiweiß), Mutter Helga (Marie-Luise Marjan), Vater Hans (Joachim Hermann Luger), Klausi (Moritz A. Sachs, vorn Mitte), Bruder Benny (Christian Kahrmann, r).
© WDR/Hornung

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Stirbt Mutter Beimer?

So geht’s kurz vorm Abschied weiter: In der 1753. Folge „Gefährlicher Cocktail“, am Sonntag (23. Februar 2020) um 18:50 Uhr gibt’s einen Schock für Helga (Marie-Luise Marjan): Während sie in Klaus‘ Wohnung auf die kleine Ida aufpasst, bricht plötzlich ein Feuer aus. Die Küche steht in Flammen! Was soll Helga tun?

Am 29. März 2020 wird im Ersten mit „Auf Wiedersehen“ die 1758. und damit letzte Folge der Serie ausgestrahlt. Bis dahin dürfen sich die Fans noch auf viele spannende Geschichten freuen. Eine dreht sich um Mutter Beimer: Helga (Marie-Luise Marjan) wird Opfer eines hinterhältigen Brandanschlags und liegt schwer verletzt im Koma. In wilden Träumen wandelt sie zwischen den Welten der Lebenden und Toten. Dabei trifft sie neben ihrem Sohn Benny Beimer (Christian Kahrmann) auch ihre verstorbenen Ex-Ehemänner Hans Beimer (Joachim H. Luger) und Erich Schiller (Bill Mockridge) wieder. Und sie begegnet ihrem „Schöpfer“, gespielt von „Lindenstraße“-Erfinder Hans W. Geißendörfer.

Im Anschluss an den letzten Drehtag verabschiedet sich die „Lindenstraße“ in die gewohnte Weihnachtspause und meldet sich am 5. Januar 2020 (ausnahmsweise um 19.30 Uhr) zurück. Bis zur letzten Folge am 29. März 2020 sind noch insgesamt 13 neue Folgen zu sehen. (Petra Albers, dpa/KT)