18.11.2020 05:00 Uhr

Ökozid

Auch wenn das Coronavirus die Erderwärmung aus den Nachrichten verdrängt: Der Klimawechsel schreitet weiter voran. Umso wichtiger erscheint da ein Film wie „Ökozid“. Er ist Teil der ARD-Themenwoche.

Julia Terjung/rbb/zero one film/ARD/dpa

Juli 2034. Die Folgen des Klimawechsels sind mittlerweile dramatisch. Nach der dritten Sturmflut in Folge wird der Sitz des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag geräumt und nach Berlin verlegt.

Hier beginnt ein ganz besonderes Verfahren: 31 Länder des besonders betroffenen globalen Südens klagen erstmals gegen die Bundesrepublik Deutschland. Darum dreht sich der Spielfilm „Ökozid“, der an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) im Ersten zu sehen ist.

Die Kläger werfen der Bundesregierung massive Versäumnisse vor. Verhandelt wird also der Präzedenzfall, ob Regierungen grundsätzlich die Pflicht haben, gegen den Klimawandel vorzugehen. Es geht um Emissionshandel, hohe Gewinnspannen und darum, ob möglicherweise geltendes Recht gebrochen worden ist.

Vor Gericht mit dem Vorsitzenden Richter Hans-Walter Klein (Edgar Selge) erscheinen Wiebke Kastager (Nina Kunzendorf) und Larissa Meybach (Friederike Becht) als Anwältinnen der klagenden Koalition aus den 31 Staaten sowie Victor Graf (Ulrich Tukur) als Verteidiger im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland. Ferner treten Vertreter von Firmen und Umweltorganisationen, ein Ökonom, ein Meteorologe und ein Landwirt, eine ehemalige EU-Kommissarin und die frühere, jetzt 80-jährige Bundeskanzlerin Angela Merkel (Martina Eitner-Acheampong) auf. Die Politikerin überrascht mit einem ungewöhnlich eindringlichen Appell.

Autor und Regisseur Andreas Veiel (61, „Black Box BRD“, „Beuys“) macht das Thema Ökozid – gemeint ist hier die Ausrottung ganzer Völker durch die ökologische Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen – zum Mittelpunkt einer Gerichtsverhandlung.

Das könnte ebenso langatmig wie langweilig geraten – beides ist hier nicht der Fall, was auch an den exzellenten Leistungen der durchweg prominenten Schauspieler liegt. Hinter den Kulissen wird kühl ein Deal ausgehandelt, was in Form und Ergebnis an Zynismus kaum zu überbieten ist.

Das mag plakativ erscheinen, ist aber durchaus vorstellbar. Die Auseinandersetzung im Prozess wird zunehmend emotionaler und heftiger geführt, viele Argumente beider Seiten erscheinen trotz aller Gegensätzlichkeit plausibel. Der Zuschauer wird hier stark gefordert (Untertitel, Fachbegriffe, Rückblenden). Man kann sich bei genauem Zuhören aber ein eigenes Urteil darüber bilden, ob der Natur das Recht auf Unversehrtheit eingeräumt werden soll.

Der Vorsitzende Richter ist um die Aufgabe, ein Urteil zu sprechen, wahrlich nicht zu beneiden. Es bleibt bis zum Schluss spannend, ob das Gericht den wortgewaltigen Lobbyisten entgegenkommt oder ob es den Mut zu einem wegweisenden Beschluss aufbringt.

„Ökozid“ läuft im Rahmen der ARD-Themenwoche „#Wie Leben – Bleibt alles anders“. Im Anschluss an den Film wird bei „maischberger.thema“ über die Schuldfrage in der Klimakrise diskutiert.

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