27.12.2019 19:52 Uhr

TV-Kritik „Der Club der singenden Metzger“: Herausragendes Auswanderepos

© ARD Degeto/SWR/Moovie//Constantin Film/Walter Wehner

Mit seinem magischen Realismus ragt das Epos „Der Club der singenden Metzger“ aus dem TV-Angebot heraus. Regie-Urgestein Uli Edel hat das Werk über deutsche Auswanderer in den USA inszeniert. Dabei berührt besonders sein junges Darstellertrio Jonas Nay, Leonie Benesch und Aylin Tezel.

Ein einfacher junger Mann, der im Ersten Weltkrieg im Schützengraben gelegen und dort seinen besten Freund verloren hat, wandert nach Amerika aus. Er fährt so weit sein Erspartes reicht. In einer kleinen Stadt in North Dakota heuert der Schwabe bei einem polnischen Schlachter an, um fortan Schweine zu töten, zu zerlegen und zu Wurst und Aufschnitt zu verarbeiten. Und bei alledem – allein oder auch mit Weggefährten – engelsgleich immer wieder Volks- und Kirchenlieder anzustimmen. Von „Kein schöner Land“ bis zu „So nimm denn meine Hände“.

TV-Kritik "Der Club der singenden Metzger": Herausragendes Auswanderepos

© ARD Degeto/SWR/Moovie//Constantin Film/Walter Wehner

Das allein macht das dreistündige Filmepos „Der Club der singenden Metzger“ nach dem gleichnamigen Bestsellerroman von Louise Erdrich jedoch nicht aus, das das Erste am heutigen Freitag um 20.15 Uhr sendet. Es gibt etwa noch eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte, skurrile Szenen um Suff und Zirkusleben sowie eine mysteriöse alte Indianerin namens „One and a half Step“.

Inszeniert hat die Geschichte in poetischen Bildern voller Patina und in altmodisch ruhigem Erzähltempo der renommierte Uli Edel (72, „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) nach dem Drehbuch von Doris Dörrie und Ruth Stadler.

TV-Kritik "Der Club der singenden Metzger": Herausragendes Auswanderepos

© ARD Degeto/SWR/Moovie//Constantin Film/Walter Wehner

Sehenswert an der Produktion sind auch die Schauspieler – zuvorderst das Hauptdarstellertrio Jonas Nay („Deutschland 83“), Leonie Benesch („Babylon Berlin“) und Aylin Tezel (Dortmunder „Tatort“). Gedreht in der kargen Landschaft Kroatiens, wo in den 1960er Jahren Winnetou und Old Shatterhand das Licht der Kinowelt erblickten, ist so ein origineller und vielschichtiger Beitrag gleich nach den Feiertagen gelungen. Tragik und Humor, Liebe und Gewalt, Geschäftsgeist und Musik sowie die große, zeitlose Thematik um Migration, Verlust der Heimat und Sehnsucht nach Ankommen kennzeichnen das Werk.

Jonas Nay darf die Musik machen

Ein Gewinn ist bereits Jonas Nay in der Rolle des Neu-Amerikaners Fidelis Waldvogel. Der 29-jährige Lübecker hat dafür ein zweiwöchiges Praktikum in einer Traditionsschlachterei an der Ostsee absolviert. Und er hat eigens bei der in Stuttgart geborenen Hamburger Opernsängerin Gabriele Rossmanith Schwäbisch gelernt.

TV-Kritik "Der Club der singenden Metzger": Herausragendes Auswanderepos

© ARD Degeto/SWR/Moovie//Constantin Film/Walter Wehner

Vor allem aber darf Nay mit seiner feinen Gesangskunst berühren, die er einst bei der Lübecker Knabenkantorei an St. Marien erlernte und sonst unter anderem mit seiner Band Pudeldame auslebt. „Ich kannte die alten Lieder fast alle“, erzählt der Jung-Star der Deutschen Presse-Agentur bei einem Gespräch in Hamburg. „Die Gesänge führen uns durch die Handlungsstränge hindurch – schon beim Lesen des Skripts war ich davon ein großer Fan.“

Gemeinsam mit David Grabowski zeichnet Nay außerdem für die eigentliche Filmmusik verantwortlich, die sich im Laufe der Geschichte etwa durch Einsatz des Banjos immer mehr amerikanisiert. Auch seine Kollegin Benesch, die Waldvogels spätere Ehefrau Eva spielt, findet den ungewöhnlichen Gesangsanteil an diesem Film keineswegs befremdlich. „Mit dieser Art von Volksliedern sind wir ja nicht mehr aufgewachsen“, erklärt die 28-Jährige der dpa, „ich weiß aber von meinem Großvater, der sein Leben lang körperlich gearbeitet hat, dass er dabei immer gesungen und gepfiffen hat. Es war früher tatsächlich üblicher.“

TV-Kritik "Der Club der singenden Metzger": Herausragendes Auswanderepos

© ARD Degeto/SWR/Moovie//Constantin Film/Walter Wehner

Gewagte Langsamkeit

Die Dritte im Bunde, Tezel, die eine Artistin spielt, schwärmt vom ruhigen Fluss der Fernseherzählung. „Ich habe das Gefühl, dass es einen romantischen Schleier über diesem Film gibt“, sagt die Schauspielerin, die kürzlich ihre nach sieben Jahren letzte Episode Dortmunder „Tatort“ abgedreht hat. Es sei „ein Schleier, der sehr zu der Erzählung und den Figuren passt – und zum Zeitpunkt der TV-Ausstrahlung.“

Die 35-Jährige fügt hinzu: „Ich empfinde es als sehr besonders, dass Uli Edel sich entgegen heutiger Gewohnheiten traut, nicht mit superschnellen Schnitten und heftiger Musik zu arbeiten. Langsamkeit bekommt heute automatisch eine gewisse Romantik.“ (Ulrike Cordes, dpa)