Sonntag, 10. Mai 2020 18:45 Uhr

TV-Kritik Tatort „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“

© NDR/Gordon Timpen

Wie eine stumme Zeugin begleitet eine Möwe im neuen Kieler „Tatort“ das tragische Geschehen: Kommissar Borowski und Kollegin Mila Sahin erleben einen Mord an der Polizei-Hochschule selber mit und müssen die Hintergründe aufklären. Es geht um Scheitern und Selbstjustiz.

Die Einstiegsszene des neuen Kieler „Tatort“-Krimis „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ ist dramatisch: Die zum Noteinsatz herbeigerufenen angehenden Polizisten, die gerade noch im Polizeiwagen herumgealbert haben, können den Suizid der drogenabhängigen, eine Flasche Alkohol in der Hand haltenden jungen Frau nicht verhindern.

TV-Kritik Tatort "Borowski und der Fluch der weißen Möwe"

© NDR/Gordon Timpen

Darum geht’s

Völlig überfordert versuchen sie stammelnd Jule vom Springen des Hochhausdaches zu bewahren – bis einer sie fragt, ob sie schon mal geflogen sei? Sie lässt sie sich dann in den Tod fallen. Und das in dem Moment, in dem ihre frühere Freundin Nasrin, inzwischen Jung-Polizistin, ebenfalls auf dem Dach erscheint.

Einen Tag später tötet Nasrin bei einer Lehrübung in der Polizei-Hochschule einen Kollegen völlig unvermittelt wie im Blutrausch mit einem Schraubendreher, den dieser ihr zuvor in der Übung unplanmäßig an den Hals gehalten hatte – vor den Augen von Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik), die die Lehrübung leitet.

Es geht in diesem „Tatort“-Krimi nicht um die Frage, wer der Mörder ist, sondern warum jemand zum Mörder wird – und warum Jule sprang, als sie Nasrin auf dem Hochhausdach sah.

Psycho- und Sozialstudie über Teenager

Die unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichneten Drehbuchautoren Eva und Volker A. Zahn („Ihr könnt euch niemals sicher sein“) entfalten eine Sozial- und Psychostudie über zwei Teenager aus schwierigen Verhältnissen, ihre traumatisierenden Schicksale und schließlich getrennten Lebenswege. Jule, die in die Drogenwelt abgleitende künstlerisch Talentierte, und Nasrin, die zur Musterschülerin bei der Polizei wurde.

„Es geht um verwüstete Lebensläufe, um die Wucht eines schweren Traumas, um Hass, Wut, Ohnmacht und darum, wie durch Gedankenlosigkeit und Zufälle eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt wird – und mittendrin unsere Helden, die mit sich und ihrem Handeln hadern“, sagt Volker A. Zahn im ARD-Presseheft. Milberg betont im dpa-Gespräch, dass im Film Polizeischüler das Recht in die Hand nehmen. „Dies ist angesichts der Radikalisierung der Gesellschaft ein hochaktuelles Thema.“

TV-Kritik Tatort "Borowski und der Fluch der weißen Möwe"

© NDR/Gordon Timpen

Reminiszenzen an Tarantino und Hitchcock

Für den unter anderem mit dem türkischen und österreichischen Filmpreis ausgezeichneten Regisseur Hüseyin Tabak („Deine Schönheit ist nichts wert“) ist es der erste „Tatort“-Krimi. Seine Filmsprache ist vielschichtig. Action und Gewalt wechseln mit intensiven kammerspielartigen Sequenzen. Humorige Szenen kippen in Sekunden ins Tragische. Manches erinnert an Quentin Tarantino, die immer wieder kreischenden Möwen können Assoziationen wecken an Hitchcocks Vögel. Immer wieder kreist die Kamera wie aus der Vogelperspektive über Kiel. Und die Möwe ist überall dort, wo Grauenhaftes passiert(e) – und zugleich fliegt sie mit anderen Möwen frei am Horizont.

Neben den von Selbstzweifeln geplagten Ermittlern Borowski und Sahin überzeugt auch das junge Ensemble im Polizeischüler-Milieu schauspielerisch. Besonders eindrucksvoll verkörpert Soma Pysall die Mörderin Nasrin, die aufgrund ihrer Lebenserfahrungen zugleich Opfer ist. Blutrausch, quälende Erinnerungen der Traumatisierten, Vernehmungsszenen – Pysall spielt preisverdächtig berührend.

TV-Kritik Tatort "Borowski und der Fluch der weißen Möwe"

© NDR/Gordon Timpen

Rapper Sero mit Titelsong

Eine besondere Bedeutung haben der Ton und die Musik. Wenn Nasrin in Vernehmungen an Traumata früher Zeiten erinnert wird, sind ihre Tonspuren gegenläufig übereinandergesetzt, für den Zuschauer ist nichts zu verstehen.

Den Titelsong „Fliegen“ hat der Rapper Stefan Hergli aka Sero, der erstmals auch als Schauspieler zu sehen ist, extra für den „Tatort“ aufgenommen. Darin heißt es: „Ich hab‘ geträumt, dass ich fliegen kann/Hab‘ mich verloren und kam nie wieder/Ich bin mein Leben lang gefallen, ja/Jetzt guck nach oben, weil ich flieg‘ da.“ (Matthias Hoenig, dpa)

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