13.09.2020 18:37 Uhr

TV-Kritik Tatort „Funkstille“: Viel Lügen und ein doppeltes Spiel

Verrat liegt in der Familie: Es wird doppeltes Spiel getrieben im Frankfurter "Tatort". Janneke und Brix ermitteln in einem Mordfall, der ungeahnte politische Folgen hat.

© HR/Bettina Müller

Dunkelheit und Geheimnisse prägen den neuen Frankfurter „Tatort“ am heutigen Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

In „Funkstille“ schleicht sich die 17-jährige Emily Fisher (Emilia Bernsdorf) nachts aus dem Elternhaus zu einem Treffen mit dem Nachbarsjungen Sebastian, beobachtet und verfolgt von einem Unbekannten. Aus dem Date wird nichts. Denn Sebastian, der als Youtuber eine Serie über „Lost Places“ – also verlassene Orte – dreht, ist in einer Fabrikhalle in den Tod gestürzt.

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Darum geht’s in „Funkstille“

War es ein Unfall, Suizid, Mord? Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) müssen bei ihren Ermittlungen nicht nur in der alten Fabrikhalle, sondern buchstäblich im Nebel stochern.

„War’s ein Unfall?“ fragt auch Emilys Vater Raymond (Kai Scheve), als die Polizei in dem Haus der offensichtlich gut situierten Familie Fragen über den Nachbarsjungen stellt. Dass die Fishers Amerikaner sind, soll sich dem Zuschauer durch englische Dialoge erschließen, bei denen sich dann allerdings der deutsche Akzent etwas störend bemerkbar macht. Obendrein werden den Kommissaren Cookies und Milch angeboten, ein Thanksgiving-Kürbis als Dekoration steht auf dem Tisch – da fehlt nur noch das Sternenbanner im Vorgarten.

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Was ist hier faul?

Zu diesem Zeitpunkt haben die Ermittler bereits das Obduktionsergebnis: Es war Mord. Sebastian wurde durch massive Gewalt gegen den Kopf getötet – und zwar nicht am Fundort. Im Zuge ihrer Nachforschungen gerät die perfekt in die Nachbarschaft integrierte Familie Fisher gleich mehrfach ins Augenmerk: Raymond Fisher ist mit Sebastians Vater befreundet, Emily war offenbar in Sebastian verliebt, doch der sah in ihr nur das Nachbarsmädchen. Allerdings findet Brix in einem der „Lost Places“ aus Sebastians Filmen einen Hinweis darauf, dass der junge Mann eine Affäre mit Emilys Mutter Gretchen (Tessa Mittelstaedt) hatte, die im US-Konsulat arbeitet. Liegt angesichts der vielen Verbindungen auch der Schlüssel zu Sebastians Tod in der Nachbarsfamilie?

Schneller noch als den Ermittlern wird den Fernsehzuschauern klar: Das Verbrechen an Sebastian ist nicht das Einzige, was hier faul ist. Immer wieder sieht man Raymond mit verbissenem Gesichtsausdruck auf den Sandsack einschlagen, immer wieder lauscht Gretchen im Keller den Nachrichten aus einem Funkgerät, tauscht vor der Alten Oper mit einer Frau Umschläge aus.

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Eine handfeste Spionagegeschichte?

Da braucht es gar nicht mehr den geraunten Hinweis, das Frankfurter Konsulat sei die CIA-Zentrale der Amerikaner in Europa. Beim hinkenden und nuschelnden Station Chief fehlen jedenfalls nur noch Zigarre und Trenchcoat, um das Klischee auf die Spitze zu treiben. Frankfurt mag nicht ganz die Kulisse von Spionageklassikern wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ bieten, doch mit zahlreichen in nächtlichem Nebel und den an telegen verwahrlosten „Lost Places“ gedrehten Szenen kann Kameramann Johannes Monteux die zunehmende Paranoia bei fast allen Beteiligten auch visuell unterstreichen. Das Drehbuch zu diesem Tatort stammt von Andrea Heller und Stephan Brüggenthies, die vor einigen Jahren bereits mit dem Drehbuch für den Frankfurt-„Tatort“-Fall „Wendehammer“ die Vorlage für Abgründe in der Vorstadtidylle lieferten.

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Atmosphäre von Misstrauen und Ausweglosigkeit

Es dauert eine Weile, bis dieser von Stanislaw Mucha inszenierte „Tatort“ des Hessischen Rundfunks in Fahrt kommt. Spannend ist dann vor allem durch die zunehmend toxische Familiendynamik der Fishers, die Atmosphäre von Misstrauen und Ausweglosigkeit. Es sind die kleinen, leisen Szenen, die in diesem „Tatort“ am meisten wirken. Der starre, eingefrorene Blick von Henning Peker in der Rolle von Sebastians Vater etwa, als er die Todesnachricht erhält, der Kameraschwenk auf seine zitternden Finger, die wie in einer Übersprungshandlung weiter Pizzaboden mit Tomatenscheiben belegen.

Oder der Ausdruck in den Augen von Emily, das Pochen der Ader an ihrer Kehle, als ihr klar wird, dass nichts in ihrer Familiengeschichte so ist wie sie immer geglaubt hat. „Meine Eltern seid ihr aber schon, oder?“ schleudert sie Raymond und Gretchen in der Stunde der Wahrheit entgegen. Der Zuschauer ahnt früh – bei so viel Lügen und doppeltem Spiel kann es am Ende nur Verlierer geben. (Eva Krafczyk, dpa)

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