08.03.2020 18:15 Uhr

TV-Kritik Tatort „Leonessa“: Ganz viel Elend und ein Mord

© SWR/Jacqueline Krause-Burberg

Was geschieht mit Jugendlichen, deren soziales Gefüge instabil geworden ist? Dieser Frage geht der Sonntagskrimi „Leonessa“ nach. Darin muss das Team um TV-Kommissarin Odenthal auch die Frage klären, wie der Staat auf Erschütterungen in der Gesellschaft reagiert.

Wie Gift breitet sich die Hoffnungslosigkeit im neuen Ludwigshafen-Krimi der dienstältesten „Tatort„-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) aus. Darin verstricken sich zwei Jugendliche immer tiefer in eine Spirale aus Prostitution und Elend, aus der sie sich nicht mehr befreien können.

TV-Kritik Tatort "Leonessa": Ganz viel Elend und ein Mord

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„Leonessa“ heißt der „Tatort“, den das Erste heute um 20.15 Uhr ausstrahlt. Regisseurin Connie Walther inszeniert das Sozialdrama ohne erhobenen Zeigefinger – und wohl deswegen besonders wirksam. Am Ende haben die Jugendlichen keine bessere Welt mehr, in die sie zurückkehren können.

Darum geht’s

Als erster stirbt Hans Schilling. Der Mord an dem Wirt einer Country-Kneipe ergibt zunächst wenig Sinn. Doch nach und nach enthüllen Kommissarin Odenthal und ihre Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter), dass sich Schilling immer wieder eingemischt hat, wenn es in dem Brennpunktviertel rau oder gar illegal zuging. Mit der Zeit wird klar, dass das jemandem sehr missfallen haben muss. Aber wem?

Wer glaubt, der „Tatort“ von Drehbuch-Autor Wolfgang Stauch sei nur ein weiterer Thriller der Sorte „Wer war es?“, irrt gewaltig. Schnell entwickelt sich der Sonntagskrimi zu einer fatalen Mischung aus Sehnsucht und Existenzangst. „Leonessa“ ist ein Kunstwort – so werden Leon und seine Freundin Vanessa genannt. Vorbild ist der Begriff „Brangelina“ für Brad Pitt und Angelina Jolie. Aber mit dem Schauspielerpaar haben die Jugendlichen nichts gemeinsam. „Brangelina für Arme“ nennt die Nachbarschaft das Duo höhnisch. „Warum lassen die uns nicht einfach in Ruhe?“, fragen die beiden zurück.

Ein Pärchen geht anschaffen

Leon und Vanessa verdienen Geld mit Prostitution. Nach Verabredungen im Internet treffen sie Männer auf dem Dach eines Parkhauses. Es ist eine trostlose und karge Betonlandschaft. Lena Urzendowsky und Michelangelo Fortuzzi spielen das desillusionierte Paar nahezu unbeteiligt. In einer Szene wird Vanessa wie etwas Lästiges aus dem Auto geworfen. Desolat rafft sie Geldscheine aus dem Rinnstein. Bei so viel Elend wird der Mord an dem Wirt fast zur Nebensache.

TV-Kritik Tatort "Leonessa": Ganz viel Elend und ein Mord

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Regisseurin Walther leuchtet das „No Future“ in allen Facetten aus. Die Jugendlichen geben sich stark und wirken doch zerbrechlich. Die Eltern bleiben überfordert zurück. Die Behörden scheinen hilflos. Nichts verdeutlicht das mehr als ein Dialog zwischen der Witwe des Opfers und der Kommissarin. Als die Frau beim Verhör wütend ruft „Sind Sie wahnsinnig?“, antwortet Stern: „Ne, wir sind Polizisten.“

Ist „Leonessa“ nicht zu helfen? Der Film beantwortet das nicht abschließend. „Leon Grimminger ist ein ganz und gar verlorener Junge“, sagt Leon einmal. Auch wenn die Geschichte nicht immer ganz schlüssig und stabil ist: Dieser „Tatort“ lässt viele Deutungen zu.

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Der 71. Fall von Lena Odenthal

Odenthal-Fans lernen die Kommissarin in ihrem 71. Fall neu kennen. Ungewöhnlich dünnhäutig agiert die Ermittlerin, wütend wirft sie einen Apfel nach ihrer Kollegin. Für Ulrike Folkerts ist es der erste Sonntagskrimi nach dem 30. Geburtstag des „Odenthal“-Formats. Trotz der langen Dienstzeit zeigt sie sich ergriffen wie selten.

Auch Mohamed Issa, der den jungen Samir spielt, zeigt die ganze Palette seines Talents. Er gerät in Verdacht, weil er nach dem Fund der Leiche lange braucht, um die Polizei zu rufen. Irgendwann wird klar, dass es um pikante Fotos geht, die der Wirt gemacht hatte.

Stellenweise wirkt der Film wie das Echo einer anderen ikonischen Geschichte über eine verkaufte Unschuld: „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (1981). Am Ende von „Leonessa“ taucht eine gnädige Kamera (Cornelia Janssen) alles in ein bleischweres Grau. Bis dahin ist aber ein weiterer Tod zu betrauern. (Wolfgang Jung, dpa)