22.10.2020 11:42 Uhr

Verrücktes Gequassel: „Gilmore Girls“ ist 20 Jahre alt

Die «Gilmore Girls» gehören zu den erfolgreichsten Serienfiguren der Fernsehgeschichte. Warum man manche Charaktere heute nerviger finden kann als früher - und weshalb ältere Serien für Streamingdienste wie Netflix besonders wichtig sind.

Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Allein dieses Städtchen. Die Welt in der Fernsehserie „Gilmore Girls“ ist eigentlich immer ein bisschen zu schön. Da hängen Lichterketten über Plätzen, es wird Zuckerwatte verkauft und durch Strohlabyrinthe gerannt.

In den USA lief vor 20 Jahren – im Oktober 2000 – die erste Folge, in Deutschland gibt es bis heute viele Fans. Warum traf die Serie über eine Mutter und deren Teenietochter einen Nerv?

So fing es an

Schauen wir auf die allererste Folge. In der fiktiven Kleinstadt Stars Hollow betritt Lorelai Gilmore (Lauren Graham) das Café. Sie will Kaffee: „Bitte, Luke. Bitte, bitte, bitte!“ „Wie viele Tassen hast du dir heute schon genehmigt?“, fragt der Cafébesitzer. „Keine.“ „Bis auf?“ „Fünf, aber deiner ist besser.“ Ein fremder Typ spricht Lorelai an und fragt, ob sie einen Namen habe. „Sicher habe ich einen Namen“, lässt sie ihn auflaufen, „aber ich bin wirklich verabredet, deshalb…“ Kurz darauf kommt ihre 16-jährige Tochter Rory (Alexis Bledel) dazu, auch sie lässt den Typen abblitzen. Dann teilen Mutter und Tochter ein wenig Lipgloss.

Rund 150 Folgen der „Gilmore Girls“ gibt es. Im Oktober 2000 lief laut Datenbank Imdb.com die erste Folge im US-Fernsehen. In Deutschland strahlte später Vox die Serie aus. Heute läuft sie beim TV-Sender Sixx und beim Streamingdienst Netflix, der auch vier neue Episoden drehen ließ. Bei Fans sorgte das für Diskussionen. Sah Lorelai schon immer so aus? Und war Rory schon immer so selbstbezogen und nervig?

Eine starke weibliche Perspektive

Was die Serie jedenfalls immer auszeichnete, ist eine selbstbestimmt weibliche Perspektive, mit ziemlich schnellen Dialogen und so vielen popkulturellen Anspielungen, dass man kaum hinterherkommt. Und eine Mutter-Tochter-Beziehung, die eher etwas von Freundschaft hat, und trotzdem auf die Probe gestellt wird. Irgendwie beruhigend.

Noch heute gleichen die „Gilmore Girls“ einer Mischung aus Coming-of-Age-Drama und Kleinstadt-Märchenstunde. Eine Autorin der britischen Zeitung „The Guardian“ schrieb kürzlich, sie habe sich nachmittags auf eine Sache immer gefreut, egal wie trübselig sie gewesen sei: in die „fast pathologisch gemütliche, leicht verrückte Welt“ der „Gilmore Girls“ einzutauchen.

Für Streamingdienste sind ältere Serien wie „Friends“ oder „Gilmore Girls“ durchaus wertvoll. Die Entscheidung, ein Abonnement bei einem der Anbieter abzuschließen, sei durchaus auch vom Angebot älterer Serien abhängig, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Schlütz von der Filmuniversität Babelsberg.

Eine Comedyserie mit Stereotypen

Ein wichtiges Stichwort dabei lautet „Comfort Binging“. Es beschreibt das Phänomen, dass man trotz vieler neuer Produktionen immer wieder bei alten Serien hängen bleibt. Eine neue Serie sei immer auch mit Unsicherheit verbunden, erklärt Schlütz. „Bei meiner Lieblingsserie weiß ich: Die mag ich.“ Das Einschalten der „Gilmore Girls“ etwa sie wie ein entspanntes Treffen mit alten Freundinnen.

Man kennt die Charaktere und kann sich berieseln lassen. „Die parasoziale Beziehung, wie wir das nennen, ist bei „Gilmore Girls“ schon sehr ausgeprägt“, sagt Schlütz. Man kenne die Figuren, die Stimmen, fühle sich gut aufgehoben. Im Unterschied zu Video- oder DVD-Boxen merke sich der Streamingdienst auch noch, bei welcher Folge man aufgehört habe. „Das macht es einfach.“

Die „Gilmore Girls“ seien eine Comedyserie, in der auch viele Stereotype bedient würden. „Aber die Hauptdarstellerinnen sind schon besonders“, sagt Schlütz. Es seien eigenständige Frauen, die ihr Leben im Griff hätten. „Diese Figuren sind besonders, die Beziehung ist besonders. Und unterhaltsam ist es einfach auch.“

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Etwas aus der Zeit gefallen

Manche Darstellungen scheinen heute ziemlich aus der Zeit gefallen. Aber die Produktion hatte – wenn auch nicht immer konsequent durchgezogen – eine Botschaft: Klar kann man als Frau alleine ein Kind großziehen, ohne heiraten zu müssen. Und natürlich dürfen Mädchen klug sein, sehr sogar.

Die Erfinderin der Serie, Amy Sherman-Palladino, hat gerade auch an anderer Stelle TV-Geschichte geschrieben. Ihre Serie „The Marvelous Mrs. Maisel“ über eine Komikerin in den 1950ern gewann bereits mehrere Emmys und Golden Globes. Ihre durchaus sehenswerte Serie „Bunheads“ über eine Ballettschule ging eher etwas unter.

Was die „Gilmore Girls“ liebenswert macht, sind die Figuren. Die verwirrte Köchin Sookie (Melissa McCarthy), der knatschige Rezeptionist Michel, der eigenwillige Kirk, die perfektionistische Paris, die Schlagzeugerin Lane und deren koreanische Mutter. Wenn die Titelmusik einer neuen Folge beginnt, stellt sich für manche schon eine wohlige Wärme ein. Auch nach 20 Jahren. „If you’re out on the road, feeling lonely and so cold…“

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