Dienstag, 14. Januar 2020 23:17 Uhr

Filmkritik „1917“: Einmal quer durch die Hölle (und dann zu zehn Oscars?)

Universal Pictures

Sam Mendes rüttelt mit dem Weltkriegsdrama „1917“ auf. Der britische Regisseur setzt auf neue Gesichter und eine revolutionäre Drehtechnik. Golden Globes gab es für das Werk schon, nun ist der Film auch für zehn Oscars nominiert.

Der britische Regisseur Sam Mendes kann mit seinen Filmen „American Beauty“, „Zeiten des Aufruhrs“ und den beiden letzten James-Bond-Filmen „Skyfall“ und „Spectre“ durchaus auf ein breites Schaffenswerk zurückblicken. In „1917“ hat er noch etwas weiter in der Geschichte zurück geblickt und die Berichte seines Großvaters Alfred H. Mendes vorgenommen. Der Veteran aus dem 1. Weltkrieg hat so erschütternde Dinge über seine Zeit in der Armee erzählt und über die Auswirkungen des Krieges auf dem ganzen Kontinent, dass Sam Mendes im Laufe seiner Karriere immer wieder daran dachte, daraus einen Film zu machen. Jetzt ist es soweit – „1917“ kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos.

Filmkritik "1917": Einmal quer durch die Hölle (und dann zu zehn Oscars?)

Universal Pictures

Zwei Soldaten und ein Auftrag

Der 1. Weltkrieg tobt in Europa. Im Norden Frankreichs sind die Soldaten Blake (Dean-Charles Chapman, 22, „Blinded by the Light“) und Schofield (George MacKay, 27, „Pride“) stationiert. Blake soll sich für einen Auftrag melden und sucht sich als Teampartner Soldat Schofield aus. Für was er sich da melden soll, wissen beide nicht. Als die zwei erfahren, dass sie eine äußerst dringende Nachricht überbringen müssen, erhöht sich schlagartig der Puls. Die Soldaten befinden sich alle in Schützengräben und mit ihnen auch der Zuschauer, denn die Kamera rennt mit, umkurvt jeden Ausrutscher im Matsch, es ist laut und hektisch und leise und gefährlich. Die Gänge der Schützengraben sind die letzte Hürde an der Front zu den Deutschen.

Zu Fuß sollen sie entlang der deutschen Front das Feindgebiet durchqueren, um einer britischen Division eine lebensrettende Botschaft zu überbringen. Gelingt das nicht, würden 1600 Soldaten in einen Hinterhalt laufen. Die Todesangst und der Horror bei diesem fast unmöglichen Unterfangen ist den Soldaten Blake und Schofield ins Gesicht geschrieben.

Es gibt nur einen Weg

Sie müssen raus aus dem Graben und die über Frontlinie über Feindesland, um die Botschaft zu überbringen. Das hört sich erst einmal simpel an, ist es aber nicht. Zu dem Auftrag und der extremen Lebensgefahr kommt noch der Zeitdruck. Wird die Botschaft nicht rechtzeitig übermittelt, sind hunderte Soldaten betroffen. Blakes Bruder (Richard Madden) ist als Lieutenant in der zu warnenden Einheit und somit ein ganz spezieller Antrieb, den Auftrag zügig auszuführen.

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Universal Pictures

Einmal quer durch die Hölle

Die Mission treibt die beiden Soldaten unerbittlich vorwärts. Der Plot in „1917“ scheint einfach, die Umsetzung dagegen überhaupt nicht. Auf dem Weg begegnen sie unglaublich viele Schwierigkeiten und Hindernisse, aber es gibt auch auch unerwartete Hilfe. Aber wie weit kommt man durch die Hölle – geschweige denn zurück?

Die Meisterleistung mit der Kamera hat Roger Deakins vollbracht, der in diesem Jahr wieder Chancen auf einen Oscar hat. Damit kommt der Brite auf insgesamt 15 Nominierungen in seiner langen Karriere. Viele Einstellungen in „1917“ sind teilweise fast neun Minuten lang, dazu mussten die Szenen vorab perfekt geprobt werden.

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Universal Pictures

Stars nur in Nebenrollen

Für bekanntere Schauspieler wie Colin Firth und Benedict Cumberbatch gibt es nur winzige Nebenrollen. Vielmehr verlässt sich Mendes ganz auf die britischen Newcomer George MacKay (27, „Captain Fantastic“) und Dean-Charles Chapman (22, „Game of Thrones“), die beide eine Oscar-reife Leistung zeigen. Ihre Figuren sind mutig, aber keine Helden. Sie stellen sich der Aufgabe, aber zweifeln an sich und an dem Sinn des Krieges. Es gibt nur wenige Schlachtszenen, vielmehr zehrt der andauernde Überlebenskampf an den Nerven. Die jungen Hauptakteure sind quasi in jeder Szene zu sehen.

Filmkritik "1917": Einmal quer durch die Hölle (und dann zu zehn Oscars?)

George MacKay und Dean-Charles Chapman Foto: Owen Hoffmann

Fazit: Regisseur Sam Mendes hat die Kriegsgeschichten seines Großvaters in packendes Erzählkino verwandelt. Mit der Entscheidung, den Film wie aus einem Guss aussehen zu lassen, d.h. (angeblich) ohne einen Schnitt, bringt den Zuschauer nicht nur sehr dicht an die Filmcharaktere heran, sondern zwingt einen auch dazu, deren Perspektive und Blickwinkel zu übernehmen. 1917 ist ergreifend ohne jedes Ranwanzen an belehrendes Pathos und fern jeder Rührseligkeit. „1917“ ist ein Kino-Highlight! (Kinotante Katrin mit Barbara Munker,dpa)

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