26.12.2019 21:23 Uhr

Filmkritik „7500“: Flugzeug-Entführungsdrama mit Joseph Gordon-Levitt

Universum Film

Wem über Feiertage der Sinn steht nach intelligenter, zugleich Atem raubender Kinounterhaltung, der ist völlig richtig in diesem, mit Joseph Gordon-Levitt und Aylin Tezel besetzten Entführungsthriller.

Das Kino liebt die Weite. Große Bilder, imposante Panoramen. Doch zuweilen sind es Kammerspiele, enge, kleine Räume, die beeindrucken auf großer Leinwand. Man denke an ein so klaustrophobisches Werk wie „Buried“, das über neunzig Minuten lang Ryan Reynolds dabei beobachtet, wie er sich aus einem unter der Erde steckenden Sarg befreien muss. Keine Außenwelt, nur Reynolds und der Sarg. Auch wenn es nun in „7500“ nicht ganz so verdichtet zugeht, so spielt sich das Geschehen doch ausschließlich in einem Flugzeug-Cockpit ab.

Filmkritik "7500": Flugzeugentführungsdrama mit Joseph Gordon-Levitt

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Nur über Funksprüche und Monitorbilder ist die Welt außerhalb der Flugkabine präsent in diesem Entführungs- und Terrorismusdrama, in dem Joseph Gordon-Levitt („Inception“) die Hauptrolle übernommen hat. Die durch ihre Rolle als Tatort-Kommissarin bekannte Aylin Tezel hat darin einen starken, wenn auch kurzen Auftritt als Flugbegleiterin. Bei der deutsch-österreichischen Koproduktion handelt es sich um das Langfilmdebüt von Patrick Vollrath: Mit seinem Kurzfilm „Alles wird gut“ war der Deutsche vor drei Jahren für einen Oscar nominiert.

Darum geht’s

Der 38-jährige Gordon-Levitt schlüpft in die Rolle des Copiloten einer Maschine, die sich von Berlin auf den Weg nach Paris macht. Eigentlich ein Routineunterfangen – der verantwortliche, von Carlo Kitzlinger verkörperte Chefpilot macht zu Beginn einen so professionell-lässigen Eindruck, dass man sich auch im Kinosessel in wohliger Sicherheit wähnt. An Bord der Maschine aber befinden sich Männer, die den Flieger mit selbst gebastelten Messern unter Kontrolle bringen wollen. Tatsächlich gelingt es ihnen, ins Cockpit vorzustoßen, wo sie den ersten Piloten lebensgefährlich verletzen.

Der Copilot aber kann einen der Entführer ausschalten und die Tür zum Rest des Flugzeugs verriegeln. Nun liegt alles in der Hand von Ellis (Gordon-Levitt). Alleine muss er mit den Terroristen verhandeln, die drohen, sukzessive eine Geisel nach der anderen zu ermorden, sollte sich Ellis weiterhin weigern, ihnen Zutritt zum Cockpit zu ermöglichen. Dass sich auch seine Lebensgefährtin (Tezel) im Flieger befindet, dass die Entführer schließlich auch mit ihrer Ermordung drohen, stellt Ellis vor eine schier unlösbare, in ihrer Dramatik und Tragik kaum zu überbietende Entscheidung.

Mut zum Minimalismus

Was nachhaltig beeindruckt an diesem Film ist sein Minimalismus, sein ungewöhnlicher Mut zur Reduktion, auch und gerade fürs Action- und Thrillergenre. Es gibt keine musikalische Untermalung. Keine, aus ähnlichen Dramen bekannte, unnötige Action. Kaum Blut. Keiner der Passagiere wird uns näher vorgestellt, es gibt hier keine Bilder von weinenden Kindern, kreischenden Frauen, wild entschlossenen Männern. Alles, was außerhalb des Cockpits passiert, erlebt das Publikum nur über einen kleinen Schwarzweiß-Monitor.

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Stattdessen zeigt uns Vollrath Momente, für die andere Thriller keine Zeit hätten: Gute zehn Minuten etwa, in denen es nur um technische Details, Startvorbereitungen, geht, darum, dass zwei Passagiere noch nicht eingecheckt haben, um so Banales wie den Getränkewunsch des Piloten. Fast en passant wirft der Film in dieser Eingangssequenz auch ein Schlaglicht auf die Beziehung des Copiloten zur Stewardess.

Mitleid für den Entführer

Dem durchaus mutigen Film vorangestellt ist ein Zitat Gandhis: „Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein!“. In der vielleicht stärksten Dialogszene stellen Ellis und einer der Entführer fest, dass sie beide in Berlin-Kreuzberg leben („Da, wo der Spielplatz ist?“). Der kurze und doch viel sagende Dialog führt die in ähnlichen Filmen gern gepflegte Logik von Gut und Böse (hier der grimmige Terrorist, da der gute Held) mit ein, zwei Sätzen ad absurdum.

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Ohne das schreckliche Tun der Flugzeugentführer auch nur ansatzweise zu entschuldigen, gelingt es Regisseur Vollrath (der auch fürs Skript mitverantwortlich zeichnet) Mitleid zu erwecken für zumindest einen der Entführer: einen 18-jährigen Berliner, der immer mehr zweifelt an seinem und dem Handeln seiner Mitstreiter. Zu allem entschlossene, gleichsam entmenschlichte Terroristen kennt das Kino zur Genüge. Vollrath wagt einen differenzierten Blick. Das hätte leicht schief gehen können. Doch hier gelingt es. „7500“ ist ein ungewöhnlicher, ein nachdenklich stimmender Katastrophenfilm. (Matthias von Viereck, dpa)

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