Mittwoch, 10. Oktober 2018 23:10 Uhr

Filmkritik „Abgeschnitten“: Hanebüchen, aber spannend!

Sebastian Fitzek ist Deutschlands Vorzeige-Kriminalist. Nach zwei mauen Verfilmungen von „Das Kind“ und „Das Joshua Profil“ denkt Regisseur Christian Alvart endlich so groß, wie es der Vorlage gebührt.

Filmkritik "Abgeschnitten": Hanebüchen, aber spannend!

Foto: Ziegler Film GmbH & Co. KG / Syrreal Entertainment GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH

Sebastian Fitzek ist aktuell der Star am literarischen Horrorthriller-Himmel. Bisher erklomm fast jedes seiner neuen Werke die Spitze der Bestsellerlisten. Auch „Abgeschnitten“ aus dem Jahr 2012 wurde eines davon. Christian Alvart, der sowohl den Kino-„Tatort“ „Tschiller: Off Duty“ als auch diverse Horrorwerke wie „Fall 39“ für das Ausland verfilmte, nimmt sich nun mit einer deutschen Starbesetzung ebenjenen Roman vor und übersetzt ihn für die große Leinwand. Dabei muss man „Abgeschnitten“ zugestehen: Dieser Film ist einfach enorm spannend, da verzeiht man ihm auch die ein oder andere Effekthascherei gern.

Perverse Schnitzeljagd

Für den Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) beginnt dieser Tag wie jeder andere, doch er endet für ihn in einem größtmöglichen Albtraum: Bei der Obduktion einer Leiche entdeckt er die Telefonnummer seiner Tochter Hannah (Barbara Prakopenka) im Schädel der Toten. Als er die Nummer anruft, hört er sein Kind nur noch um sein Leben flehen; und darum, sich fortan strikt an die Anweisungen zu halten. Eine perverse Schnitzeljagd führt ihn erst zum toten Erik und schließlich zur Comiczeichnerin Linda (Jasna Fritzi Bauer), die diesen Erik durch Zufall am Strand von Helgoland entdeckt hat.

Filmkritik "Abgeschnitten": Hanebüchen, aber spannend!

Foto: Ziegler Film GmbH & Co. KG / Syrreal Entertainment GmbH / Warner Bros.

Um weiteren Hinweisen nachzugehen, ist Paul gezwungen, Linda am Telefon durch eine Obduktion des Leichnams zu führen. In Ender Müller (Fahri Yardim), dem Hausmeister des Krankenhauses, findet die junge Frau Unterstützung.

Der erste Schnitt mit dem Skalpell sitzt und mit der Zeit erschließen sich allen drei Beteiligten die Dimensionen, die dieser ganz besondere Fall ihnen eröffnet. Denn der Killer (Lars Eidinger) ist immer noch da draußen und hat mit seinem neuen Opfer Hannah ganz gezielte Pläne.

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Foto: Ziegler Film GmbH & Co. KG / Syrreal Entertainment GmbH / Warner Bros.

Logik: Fehlanzeige!

Hin und wieder deutet sich dabei an, der erfolgreiche Schriftsteller habe so seine ganz eigenen Vorstellungen davon, wie man Gewalt möglichst reißerisch in Worte fassen kann. So merkt man Christian Alvarts Verfilmung des rund 400 Seiten dicken Romans dann auch an, dass an vorderster Front der Unterhaltungswert steht (das können Fitzek und sein hier als Co-Autor auftretender Rechtsmediziner-Kollege Michael Tsokos nun mal am besten). Da geht es dann auch immer mal ein wenig daneben, wenn sich der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnende Filmemacher daran wagt, die mehr schlechte als rechte Gesellschaftskritik ebenfalls zu berücksichtigen.

Filmkritik "Abgeschnitten": Hanebüchen, aber spannend!

Foto: Ziegler Film GmbH & Co. KG / Syrreal Entertainment GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH

Hanebüchen trifft es im Fall von „Abgeschnitten“ sehr gut. Auf Logik und Nachvollziehbarkeit sollte man den mit reichlich Horroranleihen versehenen Thriller nämlich auf keinen Fall abklopfen. Dennoch gelingt es den Machern, das Publikum über eine stolze Laufzeit von knapp zweieinhalb Stunden bei der Stange zu halten. Die Mischung aus falschen und richtigen Fährten, die Alvart in angenehmer Unregelmäßigkeit streut, heben sich merklich von klassischen TV-Krimi-Schemata ab.

„Abgeschnitten“ macht Spaß und treibt den Puls dabei mächtig in die Höhe – wer legt da schon groß Wert darauf, ob hier letztlich jedes Detail auch in der Realität möglich wäre. Die Antwort lässt sich einfach geben: Nein, wäre es nicht!

Filmkritik "Abgeschnitten": Hanebüchen, aber spannend!

Foto: Ziegler Film GmbH & Co. KG / Syrreal Entertainment GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH

Starke Darsteller

Darüber hinaus ist „Abgeschnitten“ angenehm groß gedacht. Der Film gehört auf die Leinwand und entfaltet hier seine ganze Faszination. Kameramann Jakub Bejnarowicz, dessen neuestes Projekt „Das Parfum“ demnächst im Fernsehen ausgestrahlt wird, setzt zwar teilweise auf eine dezente Überbeleuchtung, die den Film fernsehesker wirken lässt, als es nötig wäre.

Doch die Kombination aus dem spannenden Setting der von der Außenwelt abgeschnittenen Insel Helgoland, den stark aufspielenden Darstellern sowie der zurückhaltenden Musik machen deutlich, weshalb „Abgeschnitten“ eben nicht ins TV kommt, sondern den Sprung auf die Leinwand geschafft hat. Und allein für diesen Mut wäre ihm ein Erfolg zu wünschen. (Antje Wessels, dpa)

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