Mittwoch, 23. Januar 2019 23:43 Uhr

Filmkritik „Beautiful Boy“ mit dem grandiosen Jungstar Timothée Chalame

Ein junger netter Mann aus behütetem Haus verfällt harten Drogen. „Beautiful Boy“ punktet mit dem alles überragenden Shootingstar Timothée Chalamet.

Filmkritik "Beautiful Boy" mit dem grandiosen Jungstar Timothée Chalame

Foto: AMAZON CONTENT SERVICES LLC. François Duhamel

Tod oder Läuterung, das sind am Ende die beiden Möglichkeiten, die fast alle Filmdramen über Drogensüchtige bereithalten. Entweder sie werden wie Al Pacinos „Scarface“ zum Opfer ihres Drogenkonsums und den damit verursachten tödlichen Problemen, oder sie versuchen sich am Ende – mehr oder minder clean – an einem drogenfreien Leben, so wie im britischen Skandaldrama „Trainspotting“ vor zwei Jahrzehnten.

Ohne zu viel vorwegnehmen: „Beautiful Boy“, das neue biografische Filmdrama mit Steve Carell und Timothée Chalamet, sucht nach einem realistischeren dritten Ausgang. Der Weg dorthin gelingt filmisch nicht immer, er ist aber aus anderen Gründen aufregend.

Carell spielt David Sheff, ein finanziell gut situierter Journalist beim berühmten „Rolling Stone“ und ein moderner Vater, der sich so sehr mit seinem Sohn auf einer Ebene sehen möchte, dass er an einer Stelle sogar mit ihm zusammen kifft. Nic wiederum ist ein „guter Junge“, kreativ, bezaubernd mit seinen kleinen Geschwistern und mit besten Chancen auf einen renommierten Studienplatz.

Zwei Biografien

Doch da ist eben auch seine lange Liste von Rauschgiften, eingeleitet von Alkohol und Zigaretten, bis hin zum verheerenden Methamphetamin, einer extrem süchtig machenden Substanz, die dafür sorgt, dass das Verhältnis von Vater und Sohn letztlich um die Frage kreist, wie wir im Leben anderen helfen können, wenn diese dafür nicht bereit sind.

Filmkritik "Beautiful Boy" mit dem grandiosen Jungstar Timothée Chalame

Foto: AMAZON CONTENT SERVICES LLC. François Duhamel

Die filmische Antwort auf diese Überlegung basiert gleich auf zwei Biografien, denn sowohl der echte Vater als auch der reale Sohn haben 2007 und 2008 Bücher über ihre Erfahrungen veröffentlicht. Beide haben sich in den USA gut verkauft und sind in einem Drehbuch von Luke Davies („Lion“) und Felix Van Groeningen aufgegangen.

Der Belgier führt bei „Beautiful Boy“ auch Regie und benutzt hier wie in seinen beiden großen Arthaus-Erfolgen „Die Beschissenheit der Dinge“ und „The Broken Circle Breakdown“ exzessiv verschachtelte Rückblenden.

Filmkritik "Beautiful Boy" mit dem grandiosen Jungstar Timothée Chalame

Foto: AMAZON CONTENT SERVICES LLC. François Duhamel

Hoffnung und Rückfall

Doch die einigermaßen komplexe Struktur kann über eines nicht hinwegtäuschen: Der immergleiche Zyklus von Hoffnung und Rückfall ist zwar spürbar der Realität nachempfunden, aber filmisch auf Dauer eben doch ermüdend. Gut getan hätten dem Film auch eine differenziertere Haltung zum privilegierten Reichtum der Sheffs oder eine insgesamt rauere Inszenierung. Nics Abhängigkeit in strömendem Regen und lässig abgewrackten Diners kommt dann eben doch manchmal ein bisschen zu sehnsuchtsvoll-ätherisch daher.

Dass Van Groeningen trotzdem ein überdurchschnittlich gutes Drogendrama abliefert, liegt vor allem an Timothée Chalamet. Viele seiner schauspielerischen Entscheidungen scheinen aus dem Moment zu entstehen.

Filmkritik "Beautiful Boy" mit dem grandiosen Jungstar Timothée Chalame

Foto: AMAZON CONTENT SERVICES LLC. François Duhamel

Wenn Nic jemanden umarmt, dann nicht einfach nur mit ausladenden Armen, sondern da umklammert am Rücken die eine Hand verzweifelt das Gelenk der anderen. Wenn er als großer Bruder die jüngeren Geschwister im Sommer durch das Wasser des ratternden Rasensprenklers schubst, dann steckt darin die gesamte verspielte Liebe, zu der dieser kreative Jugendliche im Stande ist, wenn die Drogen mal nicht elend im Weg stehen.

Chalamet großartig natürlich

Chalamet wird in „Beautiful Boy“ eine große Bandbreite abverlangt, die hier aber nie überladen wirkt oder auf die genreübliche Bewunderung für das Dramatische abzielt. Stattdessen beweist der 23-Jährige mit seiner intensiven Natürlichkeit schlicht, dass seine Leistungen in „Lady Bird“ und „Call Me by Your Name“ zurecht so hoch gelobt wurden.

Filmkritik "Beautiful Boy" mit dem grandiosen Jungstar Timothée Chalame

Foto: AMAZON CONTENT SERVICES LLC. François Duhamel

Steve Carells oft mühsam gedämpfter David wirkt da wie das Ergebnis begrenzter Fähigkeiten, eine Variation des immer gleich gezeichneten mittelalten und an den eigenen Ansprüchen scheiternden Jedermanns aus „Jungfrau (40), männlich, sucht…“, „Crazy, Stupid, Love“ und „The Big Short“.

In den letzten Szenen fügt „Beautiful Boy“ dann tatsächlich dem Genre zaghaft einen dritten möglichen Ausgang hinzu, doch auch der fühlt sich nicht nach einer bahnbrechenden Neuinterpretation anderer Drogendramen an. Deutlich bedeutsamer könnte dieser Film für einen aufregenden Jungschauspieler werden, der sich hier preiswürdig in der allerersten Liga seiner Generation etabliert. (Christian Fahrenbach, dpa)

OK

Hinweis: Durch Nutzung von klatsch-tratsch.de stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Mehr erfahren